Von tollen Tigern und dämlichen Dompteuren – eine verdient kurze Geschichte über Siegfried & Roy

Haben Sie schon mal einem echten Raubtier ein Mikrofon ins offene Maul gehalten und es aufgefordert, hallo zu sagen? Gar vor Publikum? Nein? Da haben Sie aber Glück gehabt. Das hat mal einer gemacht, und dann war er tot. Er hieß Roy und war die andere Hälfte von Siegfried. Sie erinnern sich an diese gegerbten Ledergesichter aus der deutschen Provinz, die in Las Vegas als, so genannte, Magier mit weißen Tigern und Löwen auftraten.


Diese beiden Ignoranten waren allen Ernstes der Meinung, dass Großkatzen, denen man Halsbänder und Leinen anlegt, ihre Instinkte vergessen würden. Den Menschen zuliebe. So, wie Menschen den Menschen zuliebe plötzlich ihre Aggressionen für sich behalten. Wie außerordentlich gut das klappt, hören wir schließlich jeden Tag in den Weltnachrichten.


Siegfried und Roy wären ohne Tiere keinen Pfifferling wert gewesen. Hinterwäldlerische Poser mit schlecht toupierten Strähnchen.

Schon zu Beginn ihrer Bemühungen um Aufmerksamkeit, sie waren Kellner auf einem Dampfer, mussten sie sich mit einem lebenden Geparden schmücken, um erstmals aushilfsweise auf eine Bühne gelassen zu werden.


Wie alle Leute, die der hirnverbrannten Meinung sind, Tiere seien dazu da, Menschen zu unterhalten, haben Siegfried und Roy das Wichtigste übersehen: Tiere verfügen über eine ausgeprägte, beeindruckend dimensionierte Großzügigkeit. Sie ist ausschlaggebend für die gepeinigten Geschöpfe, selbst im Fegefeuer der Eitelkeiten zweier aufgeplusterter Gecken jahrelang geduldig auszuharren.


Mit Sicherheit hat das peinliche Duo auch gehofft, Erhabenheit und animalische Potenz der Raubkatzen würden auf sie ausstrahlen. Zu dieser irrigen Meinung neigen ja auch Zweibeiner, die Tierfelle tragen. Das geht immer schief.


Die Katzen wurden auf der Showbühne im Mirage Casino zu Nevada hergezaubert, weggezaubert, in Käfigen geschwenkt, hochgehievt oder versenkt und auf viele andere Arten und Weisen als lebende Requisiten benutzt. Die unerträgliche Schwere der vorgetäuschten Idylle. Erzwungenes Pfötchen geben und peinliches, menschliches Scharwenzeln inklusive.

Dafür gebührt den Tieren der alleinige Ruhm, von dem sie allerdings in keiner Weise profitierten. Nach der Arbeit ging es nämlich stets heim in ein luxuriös anmutendes, Tierliebe suggerierendes Ambiente mit Luxusvilla im Hintergrund. Die Laufstangen für die Ketten, an denen die Großkatzen Tag und Nacht zu hängen hatten, verliefen unsichtbar unter der Grasnarbe. Sah aus wie Freilauf, war aber Guantánamo für Vierbeiner.


Der weiße Tiger, um den es geht, hat Roy die Gnade erwiesen, auf der Bühne zur Verfügung zu stehen. Offenbar jedoch war der Arbeitsvertrag zwischen Leibeigenem und Peiniger einseitig befristet: Als an diesem Abend der Befehl kam, auf die oben beschriebene Art ins Publikum zu grüßen, hatte das Tier urplötzlich keine Lust mehr darauf, hallo zu sagen. Stattdessen holte seine Pranke artgerecht zu einer klassischen Maulschelle aus, die Roy auf die Bretter streckte. Das Publikum bekam dann, als Zugabe für den frevelhaften Kauf von Tickets für diese überteuerte Erbärmlichkeit, eine bemerkenswerte Nummer geboten: Der Tiger schleifte Roy per Nackenbiss hinter die Bühne. Das ist völlig natürliches Tierverhalten: Mein Dompteur. Meine Beute. Mein Fressen.

So schnell kann sogar ein Chef zum Verschwinden gebracht werden. Ganz ohne Zauberei. Das nenne ich eine fristlose Kündigung, die sich gewaschen hat. Chapeau, weißer Tiger!


Sie sollten wissen, dass dieser Beitrag eigentlich nicht vorgesehen war. Ich hatte Siegfried und Roy recherchiert, weil ich sie eventuell in einem der nächsten Artikel erwähnen werde, der mit einem ganz anderen Thema zu tun hat.


Sollten Sie allerdings demnächst zufällig versucht sein, einem Tier eine menschliche Reaktion abzuverlangen, wissen Sie jetzt immerhin Bescheid.

Gern geschehen.


© Ruth Rockenschaub

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