Chicken Wings und Bibelbitch

Sind Sie auch so abergläubisch? Oder stellen Sie etwa noch Taschen auf den Fußboden, Schuhe auf den Tisch und missachten umgefallene Salzstreuer? Tödlich! Und zwischen Weihnachten und dem 6. Januar waschen Sie doch wohl hoffentlich keine Wäsche und hängen sie auch noch auf? Nein! Nein! Nein! Ihnen steht schreckliches Unglück ins Haus! Wer schlau ist, verzieht sich um diese Jahreszeit ohnehin in die Südsee, obwohl man dort wiederum unter schattigen Palmen nicht pfeifen darf. Als Frau. Sie ahnen es schon: Die Seelen der Verstorbenen.


Ich entspringe einer überabergläubischen Sippe. Bei uns geschieht nichts ohne umfangreiche Anrufung guter Geister, Talismane, Beschwörungen des Schicksals und der Vorsehung. Nada. Zufälle sind uns absolut unbekannt. Alles hat seinen Sinn und steht in direktem, universellem Zusammenhang, den anzuzweifeln als blanke Ketzerei gilt. Dass ich persönlich Freitag, den 13., extrem anziehend finde, wird als ultraspätpubertäre, verwerfliche Antihaltung verurteilt, die periodischer Gegenzauber bedarf.


Schwarzen Katzen gegenüber ist man aus Gründen der Tierliebe großzügiger und findet sie im Allgemeinen sehr habenswert, wenn sie einen denn auswählen.

Schwarze Katzen stehen in Verbindung mit der jenseitigen Welt und haben den Siebten Sinn. Dafür wurden sie früher verbrannt.

Die jenseitige Welt meines Katers heißt Luxusfischhöker. Der Siebte Sinn funktioniert ausschließlich bezüglich frischer Luxusfischhökergarnelen: Garnelen im Auto, Katze wartet vor Haustür, keine Garnelen im Auto, null Pelztier weit und breit. Sehen Sie: Einfacher, pragmatischer Wunderglaube, der immer funktioniert.


Mir wurde schon als Kind versichert, den Teller leerzuessen sorge für kommenden Sonnenschein. Ausgestattet mit dieser wissenschaftlichen Information, habe ich sowohl die Tropen als auch Subtropen vor anhaltender Vereisung und barbarischer Kälte gerettet. Dafür sind mir heute noch ganze Kontinente dankbar. Betreffs der globalen Erwärmung in toto sage ich nur so viel: Ich bin dabei, mich selbst zu übertreffen.


Der oben erwähnte unglückselige Freitag war übrigens früher eher das Gegenteil: Ein positiver, der Liebesgöttin Venus gewidmeter, wöchentlicher Partyevent. Aus diesem Grund ist sein Verfall leicht erklärlich: Alles, was mit Frauen und Spaß verbunden ist, stirbt früher oder später den inquisitorischen Tod. Ablaufdatum in diesem Fall: Die Kreuzigung Jesu Christi an einem Freitag. Vermutlich.

Was uns gnädigst als komplett entspaßter Rückstand zugebilligt wurde, ist der Karfreitag. Seitdem ist Schluss mit lustigen Weibern, zumindest, wenn es nach den doppelzüngigen Helfershelfern des Messias geht, die, weit nach seinem Ableben, den Fantasyroman Neues Testament verfassten und ihrer eigenen Borniertheit anpassten. Und nun ist vom Propheten und seinen genialen Ideen nichts mehr übrig.


Frauen, die zu Jesus‘ Lebzeiten der Prostitution nachgingen, mussten dem Sohn Gottes, laut der immer noch verbreiteten Sensationsstory, zum Zeichen der Reue mit dem eigenen Haar die Füße waschen. Eine symptomatische Szenerie aus den Fieberträumen von Frauenhassern. Bitte finden Sie den Fetisch.

Das kann man doch als Überlieferung nicht ernst nehmen. Der Heiland war erleuchtet und mit lauter Männern unterwegs. Thema verfehlt, Bibelautoren. Meine ungarische Deutschlehrerin hätte gesagt: Biiiitää! Höören Sie auf zu schräibän. Wärdäan Sie Fri - Söör.


Bei Einhörnern bin ich, was den Aberglauben betrifft, auch raus, seit sie als Duschhauben erhältlich sind. Stellen Sie sich bitte vor, Sie hätten einen schneeweißen, aufgeblasenen Plastikscheiterhaufen auf dem Kopf, der von einem kackbraunen, spitzen Horn gekrönt ist, das senkrecht nach oben steht. Wer will sich denn so im Badezimmerspiegel sehen, bitte? An dem gehe ich ja noch nicht mal vorbei, bevor ich mir morgens einen amtlichen Lidstrich gezogen habe. Blind und freihändig. Meine Großmutter, seligen Angedenkens, hat gar mit ihrem vierzigsten Geburtstag sämtliche Spiegel im Haus verhängt, um nichts zu riskieren.


Und dann diese Einhornkuchen, die daherkommen wie schlecht verdaute Marshmallows in Weiß und Rosa mit türkisfarbenen Flecken ungeklärter Herkunft. Grauenvoll.


Am schlimmsten allerdings ist dieses dusselige Kind in meiner Straße. Es verfügt über einen Holzstab, an dessen oberer Hälfte der Kopf eines Einhorns angebracht ist. Das Mädchen hält sich diesen Stab zwischen seine zwei Beine und ahmt dann den vierbeinigen Gang des pferdeähnlichen Einhorns nach. Ba dam, ba dam, ba dam. Wie kommen Kinder auf solche Ideen? Von alleine ja wohl nicht. Und ich habe auch noch kein Huftier gesehen, das auf einer Stange mit darauf montiertem Menschenkopf unseren Schritt nachzumachen versuchte.

Da der, ich nehme mal an, Vater des Kindes während der rhythmischen Spaziergänge ständig telefoniert, daher wohl die innerfamiliäre Geistesschwäche, habe ich dem Mädchen kürzlich erzählt, dass es in Wirklichkeit gar keine Einhörner gibt und der komplette Stock eine ellenlange Lüge ist. Außerdem musste ich deutlich darauf hinweisen, dass die Mutter während der Schwangerschaft ja wohl zu oft ins offene Feuer gesehen hat. Andernfalls hätte das Kind doch keine roten Haare. Bingo! Seit dem Tag nehmen Vater und galoppierender Wahnsinn einen Umweg.


Leider gilt das auch für unseren Schornsteinfeger. Er muss irgendetwas falsch verstanden haben. Wenn ich einem Vertreter dieser Berufsgruppe begegne, muss ich ihm, ob er es will oder nicht, unbedingt an die schwarze Wäsche und seinen rußigen Kragen zwischen Daumen und Zeigerfinger reiben, um noch mehr Wohlstand anzuhäufen. Nach dem dritten oder vierten Mal ward der Glücksbringer plötzlich nicht mehr gesehen. Schade um den wundertätigen Verbrennungsrückstand. Aber bitte, dann eben alternative Energien. Vielleicht probiere ich mal den Körperkontakt zu Tesla-Fahrern, die vor Discountern Strom tanken.


Zur Not befrage ich meine Ahnen. Das ist ohnehin der beste und direkte Weg, um Weltliches schlüssig zu klären. Die Anrufung des Himmels gewöhnt man sich unter normalen intellektuellen Umständen relativ früh ab. Über die Gründe haben wir schon gesprochen: Assessmentkatastrophen beim Personal.


Die Engel genannten Flügelwesen in Rüschenkleidern sind auch nicht das Gelbe vom Ei. Der Teufel trägt ja Prada, weil er ein gefallener Engel ist. Die christliche Männerflugformation, allen voran die Erzengel Michael und Gabriel, ist in Klamotten verpackt, die nicht einmal bei der Altkleidersammlung durchgehen, wenn sie in Schwarzafrika verhökert wird, um die dortige Bekleidungsindustrie endgültig zu ruinieren. Teufel gleich VOGUE, Engel gleich Bild der Frau.


Und die zwei, drei weiblichen Engel sind in Juden- und Christentum ausschließlich dazu da, irgendwelchen Dreck wegzuräumen: Die Schlechtigkeit der Welt, zum Beispiel. Irgendeine muss halt immer putzen, damit alles besser wird. Außerdem tragen die Storchenflügel. Das ist das Allerletzte, denn der Storch gilt in diesem Kontext als unreines Tier, was ja der wahre Grund dafür ist, dass er Neugeborene anliefern muss. Amazon prime als klappernde Naturdrohne.


Islam, Judentum und Hinduismus sind in diesem Punkt auch nicht hilfreich, und diese buddhistischen Erleuchtungswesen sind für mich gar nicht zuständig: Die sollen uns ja auf dem Weg der Befreiung von der Wiedergeburt beistehen. Wer soll denn das wollen? Ich habe noch nicht mal vor, zu sterben, geschweige denn, von erneutem Erscheinen befreit zu werden. Wer, wenn nicht ich, sollte diesen trostlosen Karfreitag wieder abschaffen? Das Nirwana kann gefälligst warten.


Deshalb nehmen wir den Kontakt zum Übersinnlichen auch ganz anders auf. Schauen Sie mal unter die Tischdecken von Leuten südlich der bayerischen Grenze. Sollten Sie im Kreis aufgeklebte Buchstaben und Ziffern auf der Tischplatte entdecken, handelt es sich nicht um einen Trainingsplatz für geheim gehaltenen Analphabetismus. Vielmehr werden im betreffenden Haushalt Gläser gerückt.

Zutaten: Eine medial begabte Person als Vermittler, ein leeres Glas, dringende Fragen an Bewohnerinnen und Bewohner des Jenseits, gern verstorbene Familienangehörige, und Geduld.

Jeder der Beteiligten legt für die Zeremonie einen Zeigefinger auf den Boden des Kopf stehenden Glases, das sich bei ausreichender Konzentration auf das Ereignis selbsttätig zu bewegen beginnt, ohne geschoben oder gezogen zu werden. Falls Antworten der Angerufenen eintrudeln, fährt das Glas die erwähnten Einzelbuchstaben an, deren Aneinanderreihung am Ende meist Sinn ergibt. Vom Vorgang her fühlt es sich ein wenig an wie versteckte Kamera für Überlebende, ist aber durchaus erhellend.

Viele Menschen machen sich über Derartiges lustig, andere haben Angst, wieder andere bekommen noch mehr Angst, weil sich das lustig machen ganz plötzlich negativ auf ihr Leben auswirkt. So ein Zufall aber auch.


Für mich ist das Thema nicht mit besonderer Schwere und übergroßer Bedeutung belegt. Vorfahren zu befragen oder sie gar in Gestalt von Erscheinungen im realen Leben begrüßen zu dürfen, ist weder absonderlich, noch unheimlich. Vielmehr beruhigt es. Da pflege ich, was mir in jüngeren Jahren gar nicht bewusst war, die afrikanische Tradition, sämtliche Ahnen rund um die Uhr dabei zu haben und jederzeit mit Alltäglichem behelligen und Ergebnisse erwarten zu dürfen. Die haben im Jenseits ohnehin nichts zu tun als zu frohlocken und Manna zu konsumieren. Und seien wir ehrlich: Manche Leute sind tot auch einfach besser zu gebrauchen.


Was sich mir im Bereich Wunder- und Aberglauben nicht erschließt, sind Talismane in Form von Körperteilen toter Tiere. Korallenketten gegen den bösen Blick oder, zum Beispiel, Hasenfüße, die unter fragwürdigen Umständen aus vollmondigen Friedhöfen akquiriert werden und dann eventuell gar noch in tanzenden Männerballettstrumpfhosen landen, um die hormonelle Beule in der Körpermitte besser dastehen zu lassen. Möchten Sie einen pelzigen Dezimeter mit Krallen zwischen den Beinen tragen? Und das auch noch bei der Arbeit? Da wären Chicken Wings von KFC sicherlich angenehmer, aber die stinken halt nach Leiche in Frittierfett.


Und wo wir gerade bei Körperteilen sind: Das mit dem Daumendrücken als Bannzauber gegen Hexen und Dämonen wird sich nicht mehr lange halten lassen. Diese Finger werden durch die fortgesetzte, ungewohnt beanspruchende Betätigung beim Texten auf dem Smartphone mittlerweile immer größer und kräftiger. Das wurde in Großbritannien erforscht. Wo soll das hinführen?

In der Vergangenheit hätte man einen großen Daumen wenigstens noch zum Trampen einsetzen können. So nannte man das Anhalten fremder Autos zum Zwecke der Mitnahme an einen Wunschort. Man nutzte, mittels ausgestrecktem Arm und nach oben gehaltenem Daumen, Bundesautobahnen und einsame Autofahrer, um gratis ans Ziel zu kommen. Manchmal allerdings in beklagenswertem Zustand, da auch Triebtäter Führerschein haben.

Diese Art der Fortbewegung gilt praktisch als ausgestorben. Für Perverse gibt es jetzt NETFLIX- Serien, für Reisende Rücktrittsversicherungen. Danke, Evolution.


Heutzutage kann ich den fetten ersten Finger gerade noch zum Geldzählen gebrauchen, aber davon wird die Knete weniger und es fallen einem die Haare aus. Da brauche ich dann keine Spinne mehr zu töten oder mit einem fremden Löffel zu essen, um mich eigenhändig ins Unglück zu stürzen.


Wenn Sie mir versprechen, in Zukunft darauf zu achten, das Brotscherzerl, also den Knust eines Brotes, nie wieder auf seine Rundung zu legen, sondern mit der flachen Seite nach unten und mir bei der nächsten Einladung einen Platz an der Ecke Ihres Esstisches zu garantieren, der nämlich nachgewiesener Maßen hellsichtig macht, bekommen Sie heute zum Abschluss noch eine Rätselaufgabe von mir geschenkt:

Bitte gehen Sie nie achtlos an einem Künstler vorbei, der auf der Straße Musik macht. Geben Sie Geld, egal, ob die Darbietung gut ist oder nicht.

Warum? Weil wir nicht wissen, ob Sie selbst vielleicht einmal in die Situation kommen, auf diese Weise um etwas bitten zu müssen.

Und warum noch? Weil Künstler in diesem Land ein so kurioses Ansehen genießen. Vielleicht kennen Sie den Ausspruch „toi toi toi“. Das sagt man zu Künstlern vor einem Auftritt. Man spuckt dabei drei Mal über ihre linke Schulter oder ahmt zumindest das Geräusch nach. Die zwingend erforderliche Antwort lautet: „unberufen“. Das soll Erfolg und Gelingen der Vorstellung garantieren. Wer, unbedachter Weise, mit “danke“ antwortet, hat schon verloren. Er wird schief singen, seine Texte vergessen und erbärmlich schlecht spielen. Hatten wir alles schon.


Und was ist jetzt die Rätselaufgabe? Sind Ihnen schon einmal diese grottenhässlichen, kobaltblauen, telefonzellengroßen Monstren aufgefallen, die bei uns überall im Lande herumstehen? Name: Dixiklos. Und was lesen wir ausgerechnet an diesen Monumenten der Baustellennotdurft und des Festivalstuhlgangs? Kleiner Tipp: Sind mehrere Wörter, die alle mit „t“ beginnen.

Schöner scheißen mit Beschwörungsformel für Künstler. Das ist mehr, als Kulturschaffende erwarten können. Viel mehr. Applaus!


Wer nicht lesen will, muss hören!

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© Ruth Rockenschaub

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