Leitplankengedanken Teil 3

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Reinhard Mey


Wir schreiben das Jahr 2022. In Afghanistan dürfen Frauen neuerdings nur noch in Männerbegleitung fliegen. Das finde ich sehr großzügig: Frauen haben nach wie vor die Erlaubnis, unter männlicher Aufsicht das Haus zu verlassen und auf Reisen zu gehen. Es könnte wesentlich schlimmer sein: Gar kein Freigang mehr, zum Beispiel. Aber nein, es ist den Damen gestattet, das Gepäck ihres Gebieters im Flughafen zum Check In zu schleppen und nach dem Start anmutig Nüsschen zu reichen. Frauenpower, wie sie mir gefällt.


Natürlich sollte man immer sehr genau hinsehen, wenn es um die Rechte von Frauen geht. Deshalb muss man sich hier die folgende Frage stellen: Handelt es sich bei den begleiteten Damen auf den afghanischen Flügen denn tatsächlich um mitreisende Familienangehörige, wie von der Obrigkeit verlangt? Genauer gesagt: Handelt es sich denn tatsächlich um Damen? Oder gar um jemand ganz anderes?


Seien wir ehrlich: Für den Afghanen ist die Afghanin so überflüssig wie ein Kropf, egal, ob beim Fliegen oder im Bett. Er verfügt über sämtliche Möglichkeiten, Zwischengeschlechtliches völlig anders zu erledigen.


Am Hindukusch hält man sich als gestandener Mann, so genannte, Dancing Boys, einen oder gleich mehrere Knaben, die jung genug sind, in weiblicher Aufmachung glaubhaft Mädchen und heranwachsende Frauen darzustellen. Die Jungen gelten als Statussymbol, werden gehandelt wie kostbare Möbelstücke und gehalten wie alle Kinder, die zum Zwecke der Prostitution versklavt werden. Sie tanzen täglich um ihr Leben und müssen sich von ihren Besitzern besteigen lassen.

Offiziell gibt es die Dancing Boys ebenso wenig wie einen Hauch von Menschlichkeit im Sexgeschäft.

Da hat man dann als Familienmitglied Frau ganz schlechte Karten. Nämlich praktisch keine mehr.

Wie ich schon wieder auf so etwas Unerhörtes komme?


Sie wissen es doch mittlerweile: Ich bin im Auto unterwegs, beziehungsweise, heute, das genaue Gegenteil davon. Ich stehe in einem Stau, der sich seit geschlagenen fünfundvierzig Minuten keinen Millimeter vorwärts bewegt. Gestrandet im verengten Teilstück einer Autobahn, die nicht möchte, dass ihr Name im Internet genannt wird. Zwei Spuren. Baustelle. Rechts regungslos verharrende LKW. Stoßstange an Stoßstange. Hier stehen sich meine Internetbestellstiefel die Absätze in den Bauch.


Auf der linken Spur ich. Hinter mir ein wütender Megastau. Grund: Genau vor mir befindet sich nur ein einziges Auto. Es steht schräg und blinkt und blinkt und blinkt, um auf die rechte Spur zu gelangen, die sich, siehe oben, so dynamisch fortbewegt wie die Chinesische Mauer.


An sich bin ich ein ausgeglichener Mensch. Das hat mir das Schicksal anerzogen, nachdem ich vor einigen Jahren einem Amokläufer nicht begegnet bin. Ich kam nämlich zu spät zu einer Verabredung. Genau zur vereinbarten Zeit und an unserem festgelegten Treffpunkt tobte ein Wahnsinniger und erschoss in seiner Verwirrung zwei zufällig Anwesende.

Seitdem glaube ich daran, dass mich meine Bestimmung nur dort warten lässt, wo ich mit den bestmöglichen Konsequenzen zu rechnen habe.


Nach einer Dreiviertelstunde hinter dieser spurverbreiterten, perlmuttweißen Schwanzverlängerung auf Rädern, ist ein Rückfall in alte, ahnungslose Zeiten allerdings absolut nicht mehr zu umgehen.


Zur Sicherheit sei erwähnt, dass ich dem Stiernacken im Wagen vor mir bereits mein respektables Repertoire strafbarer Handzeichen gebärdet hatte. Das war so wirkungslos geblieben als hätte ich unter Wasser Blowin‘ in the Wind gepfiffen.

Offenbar musste ich mich höchstpersönlich zu meinem aktuellen Lieblingsfeind begeben.


Also hieve ich mich aus dem Auto, gehe nach vorne, stütze mich auf den Kühler der tiefergelegten Proletenschleuder und sehe durch die Windschutzscheibe in den Wagen. Aha! Ein Camp David Sweatshirt mit Zuhälter drin. Solche Diagnosen stelle ich mit links. Erfahrungswerte.

Er ist zu hässlich, um selbst anschaffen zu gehen. Der Stiernacken ist in Wahrheit eine überbreite Nackenstütze. Ich muss dringend zum Augenarzt.

Ich schreibe mit dem Zeigefinger ARSCH auf seine Scheibe. In Spiegelschrift. Ganz langsam, damit er mir folgen kann. Es wundert mich sehr, dass er keinerlei Regung zeigt. Vielleicht kann er nicht lesen.


Unterdurchschnittlich befriedigt mache ich mich auf den Weg zurück zu meinem Auto und sehe plötzlich etwas an der Seite seines Wagens, das bisher nicht in meinem Blickfeld gewesen war: Einen zirka siebzig Zentimeter breiten Aufkleber. Es ist das Foto zweier weit gespreizter Frauenbeine, in deren Mitte sich anstelle einer Vulva der Tankdeckel befindet.

Für alle, die kein Auto haben: Das ist genau die Öffnung, in die man den Tankrüssel steckt, wenn man Benzin kauft.

Ich hoffe, Ihre bildliche Vorstellungskraft reicht an dieser Stelle aus.


Zunächst lasse ich diese zotige Zumutung an einem in diesem Land zugelassenen PKW in aller Ruhe auf mich wirken. In der Folge jedoch werde ich spürbar übermütig.

Das passiert oft in denkwürdigen Situationen. Da kriecht mir so eine prickelnde Tollheit den Rücken hoch, schwappt in Form einer Monsterwelle von hinten über meinen Kopf direkt in die Mitte des Geschehens. Das ist immer riskant für alle Beteiligten. Deshalb meide ich Umstände, die mich empören. Wenn es geht.


Hier und heute kicke ich allerdings, zack, mit dem linken Handballen kurz und kräftig gegen die hintere Seitenscheibe des hässlichen Dienstfahrzeugs, das der Typ garantiert nicht selbst bezahlt hat, und kann es kaum fassen: Das Universum überschüttet mich mit grenzenloser, kosmischer, solidarischer Liebe! Ich muss das Fensterglas in einem unerhörten Winkel getroffen haben! Vielleicht war es auch schon vorher angeknackst! Egal! Es zerspringt in abertausend Stücke, die auf die Straße und die puffrote Lederrückbank prasseln. Was für ein wunderschöner, beglückender Sound! Danke, Götter der Radarfallen, Mittelspurschleicher, Lichthuper und verdreckten Autobahnklos, danke!

Ich jubiliere innerlich und höre im Geiste meine Mutter, die mich fragt, ob ich sie noch alle habe, denn nun steigt das Buchstabiergenie endlich aus.


Er ist um zwei Köpfe kleiner als ich, was allerdings auch nicht besonders schwer ist. Vielleicht sollte er unter diesen Umständen gar nicht alleine Auto fahren dürfen.

Die abgebrochene Knallcharge kommt auf mich zu, und da er kein großer Redner zu sein scheint, lege ich kurzerhand zügig vor.

Ich biete freundlichst an, ihm entweder seine Eier abzuklemmen oder ihn, wahlweise, in meine Kanzlei mitzunehmen, die ich nicht habe, und sich die Angelegenheit mit der mutwilligen, stundenlangen Verkehrsbehinderung erklären zu lassen. Man sieht deutlich, dass er in dem Maß nachdenkt, das ihm genetisch zur Verfügung steht. Also minimal.

Dann dreht er sich wortlos um, steigt ein, nimmt den Blinker raus und fährt davon.


Ich denke an den Film White Men Can’t Jump. Darin heißt es: Es ist nicht leicht, so gut zu sein.


Mit doppelseitiger Victorygeste in Richtung der Feiglinge in der Warteschlange hinter mir lasse ich mich in mein Auto fallen und habe endlich freie Bahn.


An Tagen wie diesen bin ich derart adrenalinbesoffen, dass es mich noch nicht einmal stört, ein Autobahncafé der Steuer- und Gewerkschaftsleugner Starbucks aufzusuchen und mir für 25 Euro einen dieser Kaffees mit den zehnminütigen Namen zu kaufen.

Starbucks ist mittlerweile längst ein polnisches Unternehmen. Wenn ich also so richtig schlechte Laune habe und an der Kasse nach meinem Namen gefragt werde, sage ich Cześć. Das ist Polnisch für Hallo!

Oh!, sagt dann der Barista und kichert, darf ich stattdessen ein Smiley draufmalen? Die Antwort lautet nein.

Wenn ich gute Laune habe, so wie heute, nenne ich bei Starbucks meinen Pornonamen. Sie kennen das: Name des allerersten Haustiers, das man je im Leben hatte gleich Pornovorname, erste Wohnadresse gleich Pornonachname.

Und genau so lasse ich mich aufrufen, als der Kaffee fertig ist:

Lumpi Piller!

Fuck you very much!

Ich melde mich zurück, wenn ich wieder da bin.


© Ruth Rockenschaub

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