Duzen Sie mich gefälligst!

Das können Sie halten, wie du willst. Herbert Wehner


Guten Abend, allgemeine Verkehrskontrolle.

Sagen Sie mal, haben die Bullen morgens um drei nix Besseres zu tun, oder was?

Der Scheinwerfer vorne links funktioniert nicht.

Ja, weiß ich. Und?

Fahrzeugpapiere und Führerschein, bitte.

Hab ich aber nicht dabei.

Personalausweis.

Verloren.

Ja, dann steigst Du jetzt mal aus.

Das muss ich nicht, Sie Klugscheißer, und das wissen Sie ganz genau.

Du hast Alkohol oder Drogen konsumiert?

Das geht Sie einen feuchten Dreck an, Sie Kackbratze. Ich kann Ihnen sagen, wie voll mein Tank ist. Mehr nicht. Boah, was für ein Schwachmat, echt.


Was an dieser Unterhaltung ist extrem auffällig?

Richtig! Der Polizeibeamte verhält sich herablassend, grob unhöflich und respektlos: Das Duzen von Verkehrsteilnehmerinnen ist weder gestattet noch erwünscht.


Ich bin ohnehin ein Fan des Siezens, nicht nur, weil ich einem Schulsystem innewohnen durfte, in dem wir per Sie und ausschließlich mit Nachnamen angesprochen wurden. Da kommt es zu keinen falschen Vertraulichkeiten. Es sei denn, man besuchte ein konfessionell gebundenes Gymnasium, wie mein Vater. Als durchsickerte, dass einer der Jesuiten die ihm anvertrauten Knaben zwar gesiezt, aber auch sexuell missbraucht hatte, wurde er von den betroffenen Eltern auf alttestamentarische Weise entsorgt: Im nächsten Fluss. Mit Steinen beschwert und ohne weitere Umgangsformen.


Im Übrigen ist es mir komplett gleichgültig, ob Siezen oder Duzen per Grammatik der jeweiligen Landessprache existieren, einer aktuell vorherrschenden Sprechmode unterliegen oder sich am Lebensalter orientieren.

Und, ja, selbstverständlich ist mir bekannt, dass in den skandinavischen Ländern durchweg geduzt wird, weil alles so viel lockerer ist. Bis man dann seine eigene Steuererklärung öffentlich im Internet vorfindet. Legal.


Es ist auch nicht von Bedeutung, welches im DAX notierte Unternehmen sich gerade vom betrieblichen Sie zum Du quält.

An Hierarchie und Gehältern ändert das so wenig wie der chinesische Reissack. Interessant wird das Ganze erst, wenn der Vorstand das Putzpersonal des Konzerns im Sommerurlaub mit auf seine Yacht nimmt.


Duzen macht ebenso wenig gleich wie Siezen trennt.

Siezen und Duzen sind Voraussetzung und Ergebnis einer ureigenen inneren Haltung, und die ist unteilbar.


Leute, die unter Duzzwang und Siezphobie leiden, sollten mithin die folgenden Gedanken beherzigen:

  1. Die Feststellung „Das mit dem Sie können wir doch jetzt endlich auch mal lassen. Ich bin der Sven.“ ist deplatziert. Wo genau findet sich denn da die Frage nach meinem Einverständnis, bitte?

  2. Die Formulierung „Wir duzen uns hier alle“ sagt rein gar nichts über den Charakter der Umgebung aus. „Wir duzen uns hier alle.“ gilt auch im ortsansässigen Knast.

  3. „Vielen Dank für Deine Bestellung!“ als Ansprache im Internet ist gewagt, wenn man vor dem Bestellvorgang schwören musste, volljährig zu sein.

  4. Es gibt die außerordentliche und probate Möglichkeit, Menschen das einmal gestattete Du wieder zu entziehen und sie fortan neuerlich zu siezen. Klappt super und wirkt ausgesprochen befreiend.

  5. Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre haben sich öffentlich und privat gesiezt. Immer. Die Beziehung war wild, gefährlich, legendär und tief. Beruflich wie liebestechnisch. Machen Sie das zu Hause mal nach.

  6. Bezüglich der Risiken und Nebenwirkungen des Siezens empfehle ich Chill-out-Musik für Hunde. Klingt, als würde ein Welpe gegen ein Keyboard pissen, hilft aber auch bei Menschen.


© Ruth Rockenschaub

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