Nasengott und Wassermann

Sei vorsichtig, was du dir wünschst. Teufel


Ich habe mich vor einiger Zeit mit einer bosnischen Friseurin über das Thema Romantik unterhalten. Wir saßen zufällig nebeneinander, als unser Flugzeug auf der Strecke von New York in die kanadischen Rocky Mountains in ein apokalyptisches Unwetter geriet. Wenn man in der Kabine von hinten nach vorne sah, gebärdete sich der Rumpf dieser Maschine wie ein angeschossener Regenwurm auf LSD. Vor den Fenstern war mindestens Weltuntergang und die Blitze unter uns sahen aus wie ein schlecht animierter Amateurfilm. Total übertrieben. Als dann schließlich die Fächerklappen über unseren Köpfen nach und nach aufgingen, ohne darum gebeten worden zu sein, und sich der Inhalt über uns verteilte, faltete meine Sitznachbarin die Hände und begann zu beten. Laut.


Nun will ich wirklich nicht mutiger erscheinen als ich es in Wahrheit bin, aber ich habe in derartigen Situationen eine gewisse Schicksalsergebenheit. Vielleicht bin ich auch einfach nur wahnsinnig. Schließlich habe ich zugleich einen starken Hang zum Besteigen von Achterbahnen auf Jahrmärkten, Fünfer-Loopings sind mir auch recht, und eine sehr deutliche Abneigung gegen religiöse Fürbitten in schlingernden Boeings.

Der Gebetsrhythmus der Dame neben mir sprach dafür, dass sie katholisch war. Das klang nach Rosenkranz. Nach dem etwa fünfhundertsten Gegrüßet seist du, Maria habe ich sie höflichst unterbrochen und gefragt, ob sie mir einen Kuli leihen könne, ich würde nämlich jetzt sofort gern einige Ansichtskarten schreiben.


Das Schöne am Banalen ist ja, dass es das Erkennen von Prioritäten stark begünstigt. Danach hat sie leise weitergebetet.


Als sich Turbulenzen und leidende Litanei endlich erledigt hatten, waren wir, wider Erwarten, noch am Leben.

Die Flugbegleiterinnen konnten endlich wieder ihren Traumberuf ausüben. Ihre Make-Ups waren relativ derangiert und so mancher rote Lippenstift hatte sich in die Fältchen um den Mund ergossen. Das sieht immer ein wenig verzweifelt aus, aber dafür waren die Getränke makellos.


Die Haarkünstlerin und ich kamen ins Gespräch. Sie war auf dem Weg zu einem Mann, den sie heiraten wollte. Sie hatten sich im Internet kennengelernt und noch nie persönlich getroffen. Spannend, aber für mich wäre das nichts. Das Internet ist zu anfällig für Täuschungen, und menschliche Seelen sind es letztlich auch, und das wären dann ja gleich zwei Überraschungen auf einmal.


Wenn ich einen Mann kennenlerne, dann gefälligst analog und dreidimensional, bitte. An einer Kreuzung, zum Beispiel. Das wäre toll. Die Kreuzung befindet sich in einer Megametropole mit Milliarden von Bewohnern. Niemand kennt niemanden und die Fake News über Altersmilde dringen nicht bis hierher durch.

Ich warte an einer Fußgängerampel auf Grün. Der Verkehr knallt wie wahnsinnig an mir vorbei. Dreißig Spuren in jeder Richtung. Plötzlich passiert in der Mitte dieses Chaos etwas komplett Unerwartetes: Ein puderfarbenes, achtzehn Meter langes Vintage-Cabrio bleibt stehen. Um es herum quietschen Bremsen und lichthupen Scheinwerfer, Fahrer zeigen Vögel und andere Tiere, aber das Cabrio fährt einfach nicht weiter. Am Steuer sitzt Jason Momoa. Sie kennen ihn: Baywatch Hawai’i, Game of Thrones, Aquaman. In Aquaman sah Jason so aus, dass uns die Handlung völlig gleichgültig war. Es ging ohnehin nur um verdreckte Meere. Who cares.


Jason steigt also aus seinem Libidobeschleuniger, seine langen Haare flattern im Großstadtwind, unwirkliche Oberarme schimmern in der Abendsonne, und er kommt schnurstracks auf mich zu. Selbstverständlich. Für wen sonst hätte er diese Waghalsigkeit wohl begehen wollen sollen?


Jason ist etwa zwei Meter fünfzig groß, und als er vor mir steht, zieht er eine Ukulele aus der hinteren Hosentasche. „Hallo“, sagt er und lächelt sein mythologischstes Wassermannlächeln. „Falls Du nicht innerhalb der ersten Strophe ja sagst, bleiben ich und mein Auto auf dieser Kreuzung stehen, bis meine saucoolen Tattoos verbleichen.“ Jason spricht natürlich Englisch mit mir, weshalb ich großzügig darüber hinwegsehe, dass er mich gleich duzt.


Als ich in das völlig verständnislose Gesicht der bosnischen Lockenkünstlerin neben mir blicke, habe ich den Eindruck, etwas vervollständigen zu müssen: Entschuldigung, dass ich das zu erwähnen vergessen hatte: Wenn ich eine Jason Momoa-Phantasie habe, dann meine ich natürlich Jason Momoa in einer Variante mit Gehirn. Nicht, so wie in echt. Das ist doch wohl klar.


Aber warum es unbedingt ein so ungastlicher Ort wie eine Kreuzung sein muss, fragt die Frau konsterniert, die gerade in eine Waldgegend fliegt.


Sehen Sie, und das ist der Grund, warum ich mit Frauen nicht wirklich klarkomme. Sie interessieren sich für jeden Quatsch: Für Frisuren und Gebete und das Internet, aber von Kreuzungen verstehen sie nichts.

Kreuzungen sind grandiose, magische Orte! Auf Kreuzungen ereignen sich Dramen, Komödien und Wunder. Hier werden soziale Konflikte ausgetragen, Entscheidungen abverlangt und Taschenspielertricks vollbracht. Kreuzungen sind von unglaublicher Wichtigkeit. Und das im gesamten Erdkreis.


Es gibt nicht eine Kultur, die kein besonderes Verhältnis zu Kreuzungen hätte. Bis auf Bosnien.

An Kreuzungen werden Menschen zu Werwölfen, Vollmond vorausgesetzt. In Brasilien gibt es gar Gottheiten, die ausschließlich für Wegkreuzungen zuständig sind. Auf der Isle of Man werden Kreuzungen um Mitternacht gefegt, um böse Geister und Unglück fernzuhalten. Das merke ich mir. Mein Auto muss demnächst zum TÜV.

Im dienstleistungsstarken China hat der Gott der Kreuzungen auch mit Reichtum zu tun, wen wundert’s, und im beflissenen Japan sieht er aus wie ein Mensch mit übergroßer Nase, die seine potente männliche Sexualität verdeutlichen soll. Dergestalt ausgestattet steht er stolz an Kreuzungen, der Gott, und tut sich dermaßen deutlich hervor, dass er mit all seiner Pracht sogar den Himmeln ins Auge sticht. Davon kann der mitteleuropäische Exhibitionist doch nur träumen, womöglich noch aus dem All gesehen zu werden und nicht nur von der Kundin am Kontoauszugsdrucker der Stadtsparkasse.


In den jüdischen Überlieferungen soll eine direkt an einer Kreuzung eingefangene Ameise gegen Fieber hilfreich sein. Bedingung: Die Ameise muss gerade eine Last tragen, also eine Arbeiterin sein, und man braucht unbedingt ein Kupferröhrchen, um sie einzufangen. Andernfalls bleibt das Fieber da, wo es ist. Bei den Juden ist eben oft alles etwas komplizierter.

In Afrika wird es bedeutungsschwer und mystisch. Dort werden an Kreuzungen Dinge zurückgelassen, die ihre Macht über einen verlieren sollen. Wichtig: Beim Weggehen nicht umdrehen, ansonsten funktioniert es nicht. Ein phänomenaler Tipp für Blind Dates, die sich schon nach fünf Sekunden erledigt haben.


In Deutschland ist das alles ein wenig schlichter: Die Tradition besagt, dass man sich an Kreuzungen einen Herzenswunsch erfüllen kann, wenngleich man dafür eventuell einen Pakt mit dem Teufel schließen muss. Bitte nicht verwechseln mit Parship.


Und mit Wunsch und Teufel sind wir beim Thema: Ich habe meinen regelmäßigen Lesern und Hörern neulich eine fehlerhafte Mail zugeschickt. Sie enthielt keinen Link zu meinem neuesten Beitrag, der immer donnerstags erscheint, sondern den zu einem Video von Robert Johnson, einem Bluesmusiker aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

Ich beschäftige mich zurzeit mit seinem geheimnisvollen Leben, in dem der Teufel und eine Kreuzung epochemachende Bedeutung für ihn und den Rest der Welt erlangten.


Und weil sich so viele Leute zurückmeldeten, die noch nie von Robert Johnson gehört hatten – tja, der Fluch der späten Geburt – habe ich beschlossen, einen Beitrag über ihn zu verfassen. Kommt demnächst, falls er mir selbst gefällt.


Meine Flugzeugunterhaltung mit der Bosnierin war versiegt, und wir schwiegen bis British Columbia. Ich hatte den Eindruck, sie hielt mich nach der Jason- Momoa-Story für ein wenig überspannt und plemplem. Egal, Hauptsache ich weiß, dass ich normal bin.

Der Mann, der sie am Zielort in Empfang nahm, sah aus wie ein Karohemdklischeekanadier, aber ohne Haare. Ich wünschte der Friseurin alles Gute und eine Kreuzung.


Ungefähr zwei Monate nach meiner Rückkehr ereignete sich das Folgende, und ich schwöre beim Leben meines Blogs, dass es so und nicht anders passiert ist:

Ich stehe in Hamburg an der Kreuzung am Dammtorbahnhof. Das ist nicht megametropolig, aber allemal wuselig. Ich warte an einer Fußgängerampel auf Grün. Der Verkehr knallt wie wahnsinnig an mir vorbei. Drei Spuren in jeder Richtung. Plötzlich passiert in der Mitte dieses Chaos etwas komplett Unerwartetes: Ein puderfarbenes, acht Meter langes Vintage-Cabrio bleibt stehen. Um es herum quietschen Bremsen und lichthupen Scheinwerfer, Fahrer zeigen Vögel und andere Tiere, aber das Cabrio fährt einfach nicht weiter. Am Steuer sitzt ---- kenne ich nicht. Der Mann steigt aus. Er ist sehr klein, ungefähr 190 Jahre alt, und im rechten Winkel vornübergebeugt. Es wundert mich, dass er ohne Gehhilfe nicht sein Gleichgewicht verliert.

Er watschelt, unbeeindruckt von den aufgeregten Protesten um ihn herum, zwischen den anderen Autos direkt auf mich zu. Sein Gesicht ist wächsern, die Miene eine Mischung aus Freundlichkeit und Fratze, wie bei Leuten, die versuchen, Schmerzen wegzulächeln. Er sieht aus wie ein überreifer Klaus Kinski ohne Sprengkraft. Was will der von mir? Müsste ich mich etwa an ihn erinnern? Als er schließlich Halt macht, sieht er zu mir auf. Der Blick ist wässrig, der Mund unsympathisch. Er leckt sich die Lippen und sagt: Gnä‘ Frau, gehns, bitte, wer sanndn Sie? Sie sann ja wunderschön! Sanns a Schauspülerin?


Das Wort sanns, dies für alle Hochdeutschen, beinhaltet die Wörter sind und Sie. Der Mann hat mich also immerhin gesiezt, aber der Rest ist scheiße.


Meine Antwort lautet wie folgt:

Sanns deppat, heans, woins mi papierln oda hams an Fetzn? Se kennan mi amoi bucklfünfaln mit Eanan bledn Schmäh. I hab nemli an urleiwandn Hawara, der hoast Jason, hat a Ukulele und a Nasn, die siagt ma vom Mond aus, so gewaltig is de. Und jez schleichns eana zu enara Tschäsn, se schiache, auszuuzlte Topfngolatschn, se haatschada Krauterer, se ozwickta. Gemma, gemma! Pfiatteana babaaa! Naaa! Nicht umdrehen! Tschau!


Wer nicht lesen will, muss hören!

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© Ruth Rockenschaub

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