Mutti ist die Bestie

Gespräche sind ja manchmal von einer Art und Weise, dass man sie schleunigst beenden sollte, um keinen geistigen Schaden zu nehmen.

Ich rede nicht über Konversationen mit irgendwelchen Intelligenzbestien, die sich fließend über Fragen der axiomatischen Mengenlehre oder die Geometrisierung der dreidimensionalen Mannigfaltigkeiten zu unterhalten verstehen, sondern über stinknormale Unterhaltungen.

Ich laufe zufällig einer ehemaligen Mitschülerin über den Weg. Es ist genau die, derentwegen man K.-O.-Tropfen mit aufs Klassentreffen nähme, würde man überhaupt hingehen. Wir tauschen uns kurz über den gegenwärtigen Zustand unserer Leben aus, dann bringe ich aus Gründen des Selbstschutzes vor, total in Eile und auf dem Weg ins Tonstudio zu sein, um die Audiofassungen der neuesten Beiträge für meinen wahnsinnig gefragten PodBlog aufzunehmen.

„Oh“, sagt mein Gegenüber mit schreckgeweiteten Augen. „Dafür musst du extra in ein Studio?“

Ich zögere für den Bruchteil einer Sekunde, um ihr die Chance zu geben, ein klärendes Lachen erklingen zu lassen, das allerdings nicht kommt.

„Aber nein“, sage ich dann, „war nur ein Witz. In Wirklichkeit ist alles ganz anders: Wenn jemand meinen Beitrag im Internet anklickt, springe ich persönlich aus seinem Laptop und lese den Text live vor. Beim Smartphone geht’s leider nicht. Dafür bin ich zu fett.“

Und dann lasse ich sie stehen. Sie ist ein hoffnungsloser Fall in hellblauen orthopädischen Sandalen und weißen Arztsocken.

Früher hat sie sich immer dumm gestellt, um dann permanent gelobt zu werden, weil sie in Wahrheit ziemlich was draufhatte. Heute stimmt nur noch der erste Teil. Der zweite ist unterwegs verloren gegangen.

Viel wichtiger allerdings ist die Frage, warum weiße Socken in Deutschland Arztsocken heißen, selbst, wenn sie gedunsene Rentnerfüße einschneiden und mit Medizin so viel zu tun haben wie eine Abtreibung mit lila Schmunzelhasen.

Ich sollte mir demnächst dringend Gedanken über Produktbezeichnungen machen.

Aber, wo wir gerade bei Orthopädie sind, muss ich ja gestehen, dass sich mein Gehirn kürzlich beinahe von selbst gevierteilt hätte, weil mir jemand einen Witz erzählte, der mir nicht selbst eingefallen war, und da neige ich dann zur extremen Eifersucht und das Weiße in meinen Augen wird gelbgrün.

Ich zitiere. Unfreiwillig:

Eine ältere Dame sitzt beim Orthopäden im Wartezimmer, ihr gegenüber ein Neonazi. Die Dame mustert ihn von oben bis unten, also von der Glatze bis zu den Springerstiefeln. Dann sagt sie: „Och, Sie Ärmster, erst die Chemo und jetzt auch noch die orthopädischen Schuhe!“

Das ist in meiner Welt ein Brüller.

Zurück zum Fluchtreflex.

Ich schlage mich also in die städtische Menschenmenge, um der weißen Socke zu entkommen und lasse mich erleichtert in eines dieser verstörend fragilen Aluminiumstühlchen vor dem nächstgelegenen Eiscafé fallen.

Am Nebentisch sitzen zwei junge Frauen. Sie mögen Anfang oder Mitte dreißig sein. Die eine hat eine größere Tätowierung im Dekolleté. Früher war so etwas hinten unten und hieß Arschgeweih, heute hat es an Ansehen gewonnen und sich nach vorne oben hochgedient. Das Motiv sieht ein bisschen aus wie jenes, das sich Rihanna vor vielen Jahren unterhalb der Brüste machen lassen hat. Eine Art ausgebreiteter Schwingen, die später aussehen werden wie abgestürzte Schlepplifte in den Alpen.

Die andere trägt links einen kleinen Nasenring.

„Auch mal wieder schön“,sagt die Tätowierte aus schiefem Mund, weil sie sich gleichzeitig eine Zigarette anzündet, „so'n Nachmittag ganz ohne die Kinder, was?“

„Auf jeden Fall“, antwortet der Nasenring, „wie früher, als wir noch studiert haben, nä?“ Sie rollt die Augen. „Meine Lena hat ja demnächst Geburtstag. Und jetzt nervt die mich schon seit Monaten jeden Tag damit, dass sie ein Feeät haben will. Die spinnt doch!“

Sie haben es gehört: Der Nasenring sagt nicht Pferd sondern Feeät.

Kein P, sondern ein F, dann langes E plus A Umlaut und direkt das T. Feeät.

Ich halte mich notgedrungen in einer Gegend mit Sprechbehinderung auf, derentwegen der Doppelkonsonant aus P und F nicht vorkommt und Vokale gefoltert werden:

Ein Pfarrer ist ein Farrä, der mit der firsichhäutigen Falzgräfin, die aus unbekannten Gründen offenbar in der Mitte gefaltet wurde, und einigen Fadfindern feilschnell Fandflaschen sammelt, um zu Fingsten in Forzheim Flaumenschnaps zu konsumieren.

Da es der hiesigen Ethnie außerdem an Humor mangelt, gibt es das Ganze leider nicht in spiegelverkehrt, wird also aus F beileibe kein PF: Pfridays pfor Pfuture, Pfacebook und Pfahrerpflucht just pfor pfun sind leider nicht geläufig. So viel Pfantasie kommt genetisch blöderweise nicht pvor.

Ich wiederhole:

Nasenring: „Meine Lena hat ja demnächst Geburtstag. Und jetzt nervt die mich schon seit Monaten jeden Tag damit, dass sie ’n Feeät haben will. Die spinnt doch!“

Tätowierung: „Was’n für’n Feeät? ’N echtes?“

Nasenring: „Nee, so’n Holzfeeät für den Garten, auf das man sich draufsetzen kann.“

Ich (stumm): Hä? Vintage? Hoppe, hoppe Reiter gibt es immer noch? Was sind denn das für Retrokinder? Die müssen aus einem Entwicklungsland adoptiert worden sein.

Tätowierung: „Diese sauteuren Dinger, die nur mit dem Kopf wackeln können und sonst nix?“

Nasenring: „Genau! Und seit Monaten geht das jetzt, Mamma, Mamma, ich will das Feeät zum Draufsitzen.“

Ich (stumm): Erstens: Sprachfehler vorbildlich vererbt. Zweitens: Man kann noch nicht mal damit schaukeln und es bewegt nur den Kopf? Was ist das dann? Ein Wackeldackel mit dem Gesicht von Florian Silbereisen?

Tätowierung: „Aber dir ist schon klar, dass die ’n paar hundert Euro kosten, nä?“

Nasenring: „Ja, klar, aber stell Dir vor, die soll es ab heute bei ALDI geben. Für unter 60 Euro!“

Tätowierung: „Nee! Echt? In Originalgröße? Für 60 Euro? Da muss ich den Jürgen hinschicken, du. Die sind ja ganz schön wuchtig. Das muss der für uns holen. Das will Beate für ihre Lütte bestimmt auch haben.“

Nasenring: „Na ja, ich weiß nicht. Kuck mal hier ist ein Foto im Internet. Was meinst Du, wie alt ist das Mädchen auf dem Feeäd? Sonst weiß man ja gar nicht, wie groß das ist.“

Ich (stumm): Man könnte mal nachsehen, ob die Feeädemaße irgendwo angegeben sind. Dann wüsste man, wie groß es ist.

Tätowierung: „Hmmm, so vier, würd’ ich mal sagen.“

Nasenring: „Echt? Aber wenn das Feeäd nicht originalgroß ist, so wie das teure, dann könnte die auch drei sein, oder?“

Tätowierung: „Na ja, oder fünf. Dann wäre das Feeäd aber kleiner.“

Ich (stumm): Wo. Stehen. Die. Maße. Des. Pferdes. Mädels?

Nasenring: „Ich weiß nicht, also wenn das Feeäd so mittelgroß wäre, dann könnte die ’ne kleine Sechsjährige sein.“

Tätowierung: „Ja, oder ’ne große Fünfjährige.“

Nasenring: „Mhh, oder ’ne sehr kleine Zehnjährige.“

Ich (stumm): Wenn jetzt nicht gleich eine die Maße sucht, führe ich die Todesstrafe wieder ein.

Nasenring: „Eigentlich weiß ich auch gar nicht, ob das mit dem Feeäd überhaupt Sinn macht. Das kann ja nur den Kopf bewegen, sonst nix. Und dann findet sie das vielleicht schnell wieder langweilig.

Tätowierung: „Aber Du hast doch gesagt, dass die Lena total feeädeverrückt ist.“

Nasenring: „Ja, schon. Zum Geburtstag wollen wir ja auch auf einen Ponyhof. Da darf sie dann mit ihren Freundinnen ein Pony mit Fingerfarben bemalen.“

Ich (stumm): Da fällt mir ein, dass ich Britney Spears noch bei P.E.T.A. anscheißen muss. Die hat ja neulich diesen fragwürdigen persischen Kleindarsteller geheiratet, und da wurden dem armen Gaul, der ihre Hochzeitskutsche ziehen musste, die Hufe goldfarben lackiert.

Tätowierung: „Nein! Ein echtes Pony? Anmalen! WAU!

Sie sagt nicht WOW! Oh nein. Sie sagt WAU! Wie ein halber Hund.

Nasenring: „Ja, toll, nä? Und das Feeäd hat überhaupt auch noch so ein Loch unter dem Schwanz. Da kann man alles verstauen, was man für das Feeäd so braucht. Weißt Du was? Ich fahre jetzt erst mal nach Hause. Mein Mann soll das entscheiden.“

Ich (laut): „Entschuldigen Sie, bitte, ich komme gerade von ALDI. Das Feeäd ist total auspferkaupft, aber Arztsocken sind noch pferpfügbar.“

Mitgehört im Juni 2022


© Ruth Rockenschaub

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