Ich, mein Urknall und andere Vermutungen Teil 1

Geht es Ihnen auch so auf die Nerven, dass die Menschheit nichts dazulernt? Warum, zum Beispiel, können wir es ums Verrecken nicht ertragen, dass sich niemand aus den Weiten des Universums so ernsthaft für uns interessiert, dass er sich mal langsam offiziell meldet. Aliens, Außerirdische, Marsmenschen, irgendwer. Und nicht immer nur in Form von geheimnisvollen Ereignissen, deren Einzelheiten in Regierungstresoren verschwinden.

Nö! Mal ganz öffentlich und förmlich mit Ansage und amtlicher Diplomatie. Dann könnten die und wir gemeinsam den Roten Teppich abschreiten, und die Big Band der Bundeswehr würde Cheri Cheri Lady spielen. Da geht es ja schon im Text um den Kontakt zum Weltall. Ich zitiere: „I need you so. All the times I move so slow. I get up, I get down, all my world turns around.“ Zitat Ende.

Aber nein, es findet einfach nicht statt.


Unsere Spezies fühlt sich doch mittlerweile komplett ignoriert!

Und dabei strengen wir uns dermaßen an, um aufzufallen.

Menschen sind ja grundsätzlich so angelegt, dass sie etwas Bedeutendes hinterlassen wollen. Das unterscheidet uns vom Tier. Mit Gülle oder braunen Eiern wären wir nicht zufrieden. Deshalb haben wir Rad und Erdöl erfunden und entschieden, dass Pferde ein Fortbewegungsmittel sind. Ohne diese drei Bestandteile, Rad, Erdöl, Pferd, gäbe es nicht einen Krieg auf diesem Planeten, weder in der Vergangenheit, noch heute. Super Leistung! Interessiert nur leider kein Schwein.


Wir bauen ein Weltraumteleskop nach dem anderen, verschandeln damit ganze Landstriche, siehe dieses Gerät in China mit seinen 520 Metern Durchmesser. Das muss man sich mal vorstellen! Sieht aus wie eine abgestürzte Bulette in Erklärungsnöten.

Der Vatikan zweckentfremdet sogar gespendetes Geld und investiert es in das Observatorium in Chile. Von dort aus bemühen sich die katholischen Schöpfungsexperten um den Empfang außerweltlicher Botschaften. Sie brauchen spannendere Argumente für die Kundschaft. Und andernorts benehmen wir uns wie lupenreine Kolonialkotzbrocken. Ich verweise auf den geplanten Neubau des Planetariums auf dem Heiligen Berg Mauna Kea, Hawai’i.


Unsere elektronischen Ohren und Augen, mit denen wir so verzweifelt auf ein unirdisches Signal hoffen, werden immer mächtiger und prächtiger, aber wie wir hören, hören wir nichts.


Kürzlich allerdings blinkte es plötzlich über Australien! Ein rhythmisches Licht in nur 38 Billiarden Kilometern Entfernung. Weltbevölkerung und Wissenschaft waren ekstatisch: Hello, is it me you’re looking for?

Aber, war das nun eine Kontaktaufnahme oder eher ein interstellarer Klingelstreich?

Mich erinnerte das Ganze an diese Situationen auf der Straße: Es kommt Ihnen jemand entgegen, der lacht und winkt, und Sie lachen und winken begeistert zurück, und sobald man sich beinahe gegenübersteht, geht der direkt an einem vorbei und meint in Wirklichkeit diesen aufgetakelten Latino hinter einem. Fies.


Was man allerdings sagen kann, ist, dass das Signal exakt alle achtzehn Minuten kam, auf die Sekunde drei Monate lang und dann nie wieder. Achtzehn? Drei? Mausetot?

Für mich, sorry, die Fachleute dürfen sich gern weiterstreiten, die Volljährigkeitsparty eines außerirdischen Quartalssäufers.


In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es schon einmal etwas Vergleichbares: Die Pulsare: Ultraregelmäßige Signale, noch nie vorher wahrgenommen. Es galt als bombensicher, dass irgendetwas da draußen mit uns in Kontakt treten wollte. Endlich! Sogar einen Namen hat die Wissenschaft damals vergeben: LGM, die Little Green Men. Waren aber leider noch nicht mal Elefanten im Raum.

Die Quelle war tatsächlich natürlichen Ursprungs, stellte sich heraus: Schnell rotierende Neutronensterne mit null Ambitionen auf ein irdisches Speeddate. Schade.


Aber: Alles hat sein Gutes.

Wir hatten damals eine Familienfreundin, die von schrecklicher Angst gepeinigt war, sobald es um Dinge des Weltraums ging. Sie und ihr giftgrüner Plastikspringbrunnen mit den pinkfarbenen Plastiklotusblüten und dem wasserspeienden Plastikriesenkarpfen in der Mitte lebten in einem Hochhaus. Sie war dem Himmel also wesentlich näher als wir.

Die Dame hieß Elsa, war Tschechin und trug ausschließlich traditionelle japanische Kleidung. Von Kopf bis Fuß und immer. Auf ihrem verstimmten Klavier spielte sie allabendlich den Song „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ von Zarah Leander. Ich war oft bei ihr zu Besuch, betrachtete die aufgetürmten rabenschwarzen Haare und lauschte ihrer Baritonstimme, während mein Po langsam an den Plastikschonbezügen ihrer Couch festzukleben begann.


In ihrer Phobie ging Elsa davon aus, die Entdeckung der himmlischen Phänomene bedeute das sichere Ende unserer Existenz. Anlässlich einer jeden der, sehr zahlreichen, Zeitungsmeldungen zum Thema rief sie umgehend eine riesige, so genannte, Weltuntergangsparty aus, zu der alle eingeladen wurden – schließlich standen wir am Rand einer Katastrophe.

Zum Catering gehörten Alkohol in Strömen – war ja das letzte Mal – und die famose Weltuntgergangstorte. Eine glasierte Himbeerbiskuitschönheit in drei Etagen, dekoriert mit dekadentem Konfekt. Überirdisch lecker und nahrhaft. Genau so, wie wir es lieben. Der Weltuntergang formte diesen, meinen Körper.


Falls Sie also Neuigkeiten über den Urknall oder Schwarze Löcher haben, melden Sie sich umgehend, bitte. Es gibt Traditionen, die nach Fortsetzung schreien.


Betreffs der penetranten Erwartung einer Kontaktaufnahme zwischen uns und den sehr entfernten Verwandten bleibt festzuhalten, dass wir es einfach nicht verstehen, nachzugeben. Dazu kommt, dass der Mensch bei allem, was er erstmals wahrnimmt, davon ausgeht, dass es früher, bevor sein eigenes Denken da war, gar nicht existieren konnte. Und so plagiiert er sich von Generation zu Generation selbst. Und langsam mache ich mir Gedanken über die morphogenetischen Felder des Rupert Sheldrake. Aber, ich will nicht abschweifen. Sonst heißt es wieder, ich wäre immer so kompliziert.


Meiner Meinung nach zeugt unser Verlangen von einem etwas bornierten Raum- und Zeitbegriff, aber wer sich den Übergangsmantel ausgedacht hat, den Latte Matschiato und die Tschia Batta, wer Wäscheklammern nach Farben sortiert und sein eigenes Essen fotografiert, muss den Ball auch nicht flachhalten.


Und deshalb gibt es jetzt ein neues NASA-Projekt namens Beacon in the Galaxy – Leuchtfeuer in der Galaxis. Man will die Aliens endgültig so dermaßen begeistern, dass sie um eine Antwort gar nicht mehr herumkommen.

Das ist so wie dieser Zettel, den wir alle kennen. Erste Klasse: Willst du mit mir gehen? Ja. Nein. Vielleicht. Bitte ankreuzen. Ein Kästchen für: „Lass‘ mich gefälligst in Ruhe, du hässliches Stück Grundschule!“ gab es doch gar nicht.

Vermutlich werden wir auch jetzt wieder mit galaxienumspannender Totenstille zu rechnen haben. Die Wissenschaft allerdings erwartet zumindest ein aussagekräftiges „HÄ“?

Dabei eiert die Erde schon allein größenmäßig so dermaßen unscheinbar im All herum, dass man uns mit großer Wahrscheinlichkeit verfehlen wird.


Unser aller persönlicher Lieblingsastrophysiker Neil deGrasse Tyson formuliert es so: „Wenn du ins Universum hinaufsiehst und dich klein fühlst, dann deshalb, weil du von vornherein ein viel zu großes Ego hattest!“ Mit anderen Worten, wir sind noch nicht einmal winzig. Weder ist die Erde Mittelpunkt des Universums, noch die Sonne oder unsere Galaxie. Ein Alien, der in unser Solarsystem käme, könnte Saturn und Jupiter erkennen und sich dann dieses vernachlässigbare Stäubchen in Sonnennähe, wir sind gemeint, vom Revers seines Raumanzugs schnipsen, liebe Hörerinnen und Leser: Mehr sind wir nicht.


Und jetzt also das überaus optimistische Leuchtfeuer.

Ich zitiere aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise:

Dr. McCoy: „Soll das ein Witz sein?“

Mister Spock: „Ein Witz ist eine Geschichte mit einem humoristischen Höhepunkt.“


Gut, dann wollen wir mal sehen, wie sich unser glorioses Menschengeschlecht zu präsentieren gedenkt, wenn die Informationen dann per Radiowellen 13.000 Lichtjahre weit ins All gebeamt werden sollen.


Ich weiß ja nicht, was andere, bisher unbekannte Kulturen, Ihrer Meinung nach über uns wissen sollten, ich dachte an die friedensnobelpreiswürdige Erfindung des Heißgetränks Kaffee, aber die Spitzenwissenschaftler der NASA haben sich stattdessen lieber das Folgende abgerungen:

Wir schicken eine Abbildung von nach unten fallenden Pixeln zur Darstellung der Schwerkraft. Ja. Schön. Brauche ich aber nicht. Meine Frage lautet: Was erlaubt sich die Schwerkraft im Verhältnis zur verstreichenden Zeit mit dem menschlichen Körper? Und warum heißt sie nicht Leichtkraft und alles geht wieder nach oben?


Um optimal kommunizieren zu können, wurden einige mathematische und physikalische Grundlagen beigefügt. Super, aber für mich hätte ein Link zum kostenlosen Dreisatzrechner im Internet gereicht. Der ist kompliziert genug. Aber ich wurde nicht gefragt.


Darüber hinaus verschicken wir Bilder unserer DNA-Sequenzen, also der Erbinformation in unseren Zellen. Und das halte ich für sehr ausgefuchst: Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass Leute, die keinen Frieden wollen, für Weltenfremde als Forschungssubjekte ungemein interessant sind. So wahnsinniges Zeug wie uns haben die sicher schon lange nicht mehr entziffert. Oder haben sie sich etwa genau deshalb bisher nicht gemeldet?


Während ich das schreibe, fällt mir siedend heiß ein, dass es in den Neunzehnhundertsiebzigern schon einmal ähnliche Aussendungen ins All gab. Die Sache mit dem Krieg hat mich jetzt daran erinnert. Ich werde darauf zurückkommen.


Der, für mich, aussagekräftigste Bestandteil unseres intergalaktischen Bewerbungspaketes sind die Darstellungen von Menschen.

Wir sehen, in sehr vereinfachter Optik, einen Mann und eine Frau. Das sind die beiden einzigen Geschlechter, die es in unserem Zeitalter auf der Erde gibt. Offiziell. Nicht, dass noch ein x-beliebiger Hermaphrodit, mit seinen zweierlei Geschlechtern in einem Körper, per Pferd angeritten kommt und Frieden stiften will. Kaum auszudenken.


Das Paar in der Darstellung trägt keinerlei Kleidung. Sie können sich vorstellen, dass es schon wieder Stimmen gibt, die diese Nacktheit kritisieren. So etwas kommt von Leuten, die nicht wissen, dass man heute schon aus jedem Waldkindergarten Dick Pics zugeschickt bekommt.


Die Frau ist hier körperlich kleiner als der Mann. Ein wichtiges Detail unserer Zivilisiertheit. Umgekehrt wäre ja auch nicht normal.

Ganz wirklichkeitsgetreu ist die Frau optisch ein wenig hinter den Mann gerückt. Ich muss nachsehen, ob irgendwo in diesen Daten auch eine vergleichende Gehaltstabelle hinterlegt ist, oder ob die Dame überhaupt arbeitet. Vielleicht ist sie nur Hausfrau, und ihr Mann möchte sie beim Tragen der Getränkekisten nicht beobachten müssen. Das machte am ehesten Sinn.

Beide Herrschaften verfügen über fünf Finger. Allerdings ist der rechte Daumen der Frau ausgesprochen kurz. Vermutlich abgearbeitet vom Gemüseschneiden für Smoothies.


Figürlich kommen die beiden Musterbeispiele etwas vintagemäßig daher, also aus der Zeit vor Brustvergrößerungen und Penisverlängerungen. Das Geschlechtsorgan des Mannes ist dimensioniert wie drei nebeneinander liegende, gleich große Dominosteine, mithin schon umgefallen und in erschöpftem Ruhemodus. Die Frau hat definitiv eine umfassende Schamhaarentfernung hinter sich gebracht. Vermutlich per Diodenlaser. Das finden die Technoiden da draußen bestimmt sehr staunenswert.


Kommen wir zu dem Körperteil, das wir Menschen für das aussagekräftigste bei der Kontaktaufnahme halten: Das Gesicht.

Und hier kann man nur sagen: Glückwunsch, NASA! Ein absoluter Geniestreich! Ich ahnte schon immer, dass wir unser Erscheinungsbild zu negativ einschätzen. Deshalb ja Photoshop und andere Bildbearbeitungsprogramme.

Unsere genetische Wahrheit gemäß Weltraumbehörde der U.S.A. lautet: Playmobil©-Mann und Playmobil©-Frau. Ein unverwechselbarer Phänotyp. Punkt, Punkt, Komma, Strich! Wir sehen aus wie Mutter Nicole Hauser und Vater Michael Hauser! Wie aufregend!

Der Mann allerdings vermag hier nicht zu lächeln, die Frau hingegen schon. Nanu! Gibt es Streitigkeiten bezüglich dominanter und rezessiver Merkmale? Hat ein genetischer Fingerabdruck Geheimnisse offenbart? Findet etwa gerade eine Chromosomenmutation statt?

Vielleicht geben die unteren Extremitäten Aufschluss: Die Füße unserer beiden Pixelstars bestehen aus einem großen Zeh und einem zweiten, der von der Dimension her alle anderen Zehen in einem Stück zusammenfasst. Ooooh! Sind wir genetisch eigentlich als Paarhufer gedacht? Kamele, Hirsche, Antilopen und so? Wie herrlich! Dann wäre ich gern ein Flusspferd, bitte, das faul im warmen Wasser dümpelt und ständig das Maul aufreißt.

Apropos: Bitte erlauben Sie, dass ich nunmehr mein Bad nehme. Die Fortsetzung hören und lesen Sie nächsten Donnerstag.


Textzitat: Cheri Cheri Lady, Text und Musik: Dieter Bohlen, Quelle: Album

Let's Talk About Love, BMG / Hansa Records, Germany 1985


© Ruth Rockenschaub

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