Als der Mann in der Mitte unhörbar in seiner eigenen Musik ertrank

Vor ein paar Tagen musste ich mich mit einem Idioten über den Einfluss Afrikas auf die westliche Kultur streiten.

Normalerweise lässt man sich auf solche Gespräche, die ja immer emporsteigen wie ein widerlicher, unaufhaltsamer Brechreiz, gar nicht mehr ein.


Hin und wieder gerät man allerdings in sonderbare Situationen, und hat urplötzlich mal wieder so richtig Lust darauf, hemmungslos Recht zu haben.


Das Thema sollte einem natürlich wichtig genug sein, um das eigene Repertoire an todsicherem, historisch zweifelsfrei dokumentiertem Wissen aus dem Köcher zu ziehen und stichhaltig argumentieren zu können.


Meine legitime Begierde an diesem Abend war von Befindlichkeiten bestimmt, die nach Rache am Weißen Mann schrien. Am Weißen Mann im Allgemeinen, sei dazugesagt.

Der Bedarf schien erheblich und schließlich war zufällig auch ein Exemplar anwesend.

Vielleicht war der zurückliegende Tag bis zu diesem Zeitpunkt von minderer inhaltlicher Brillanz gewesen. Ich erinnere mich nicht mehr.


Ein quantitativ recht intensiver Vergleich meiner spektakulären Fakten mit den erschütternd unbrauchbaren Rechtfertigungen meines Gegenübers verhallte ergebnislos. Also wechselte ich die Taktik und transplantierte den Fokus ins Mark der Emotion.

Wenn in Diskussionen mit Männern nichts mehr hilft, gilt ihre erregbare Innerlichkeit gemeinhin als Erste-Hilfe-Koffer im Kommunikationsdesaster. Das klappt immer.


Folglich habe ich dem Unkundigen gnädigst gestattet, an einer sechsminütigen Offenbarung teilzuhaben: Paul Simon featuring Jennifer Holliday und Luther Vandross BRIDGE OVER TROUBLED WATER LIVE.

Der Song ist, auch als Video, im Netz verfügbar, seine Beschreibung mittels des Begriffs featuring allerdings irreführend, wie wir gleich erfahren werden.


Paul Simon ist einer der großen Melodienschreiber des zwanzigsten Jahrhunderts, BRIDGE OVER TROUBLED WATER wurde mit fünf Grammys ausgezeichnet und ist ein wenig über fünfzig Jahre alt. Ein Klassiker.

Es handelt sich um die erfolgreichste Zusammenarbeit Paul Simons mit seinem Duettpartner Art Garfunkel.


Sehen wir an dieser Stelle einmal konziliant darüber hinweg, dass BRIDGE OVER TROUBLED WATER erheblich vom Song einer schwarzen Gospelgruppe der späten Fünfzigerjahre inspiriert war, und zwar so sehr, dass Paul Simon dem betreffenden Künstler, den er so kreativ plagiiert hatte, später relativ unauffällig einen relativ auffälligen Scheck übergeben musste und konzentrieren uns stattdessen auf das besagte Video:


Ein großer, voll besetzter Raum, vermutlich sakral, auf der Bühne ein vielköpfiger, wogender schwarzer Gospelchor und eine Band. Gemeinsam bereiten sie als Einleitung einen akustischen Teppich.


Davor steht, zentral, Paul Simon, ein zart gebauter, kleiner weißer Mann, das Mikrofon in beiden Händen, als müsste es ihm demnächst Halt in einem aufkommenden Sturm bieten.


Das Intro ist zu Ende, der Chor schweigt, um dem Solisten Raum zu geben, Orgel und Klavier flimmern feierlich. Simon singt die legendären Zeilen der ersten Strophe, dann den Chorus, ab dessen zweiter Hälfte sich das ganze Elend der abendländischen Welt manifestiert: Es ist das erneute Einsetzen des Gospelchors, das Paul Simons Stimme, zerrissenen Papierschnipseln gleich, in taumelndem Sinkflug allmählich und kraftlos auf die Bühnenbretter niedergehen lässt.

Seine Hände umfassen das Mikrofon nun wie zum Gebet, und wir ahnen, was in ihm vorgehen muss. Der Mann ist schließlich nicht dumm.


Das vorwiegend schwarze Publikum erweckt bislang den Eindruck einer puritanischen Kongregation am Rande des unbewohnten Nichts.


Und dann erscheint von rechts der Berg der Erkenntnis: Jennifer Holliday, ausgestattet mit einer Stimme, die Galaxien verschiebt. Diese Frau atmet schöner als andere zu singen vermögen und schon ihre ersten Töne tätowieren die Luft für die Ewigkeit.

Holliday nähert sich der Bühnenmitte in langsamen Schritten. Sie überragt Paul Simon erheblich in Höhe und Breite. Zur Kenntnis nimmt sie ihn nicht.


Das Publikum hat längst aufgeschrien. Simon zieht sich einige Schritte nach

hinten zurück. Er beobachtet das dargebotene Beben in leichtem Wiegeschritt.

Holliday zitiert uns stimmlich ins Nirwana. Dann ein kurzer Saxofonübergang, und von links erscheint der schönste Mann der Welt: Luther Vandross.


Er und Holliday rahmen den mittlerweile geschrumpft scheinenden, völlig entwaffneten Simon ein wie einstmals die Türme des World Trade Center ihre schnöde Sinnhaftigkeit. In der bildenden Kunst heißt so etwas Negativraum.


Simon steht also am ihm vom Schicksal zugewiesenen Platz und erstaunt sich sichtlich über die Körperlichkeit der Darbietung vor ihm.

Anlässlich eines der für Vandross so typischen Glissandi von überirdisch unten nach unsterblich oben reißt es Simon unwillkürlich Mund und Augen auf. Sollte er tatsächlich überrascht sein? Holliday reckt die Hand zum Himmel. Der Segen ist gesprochen.


Nun dreht sich Vandross mit auffordernder Miene zu Simon, der sein Mikrofon zum Mund hebt und Luft holt. Aber Holliday wirft Vandross blitzartig einige virtuose Call-and-Response-Phrasen zu und gemeinsam schwingen sie sich gesanglich auf einen weit entfernten, für Simon unerreichbaren Olymp. Der Berg ruft, aber eben nicht alle.


Das Publikum steht.


Simons Wiedereinstieg in den Song hat sich erübrigt, die Hand mit dem Mikrofon sinkt ohne jegliche Illusion, zeigt sich noch ein, zwei Mal kurz. Paul Simon bewegt synchron zum Hintergrundchor den Mund.


Fremdschämkaraoke.


Schließlich legen Vandross und Holliday, links und rechts neben Simon stehend, ihre Arme um ihn wie zwei Scheibenwischer, die mildtätig Dinge verschwinden lassen, an die sich niemand erinnern möchte.


Über Hollidays Kopf glänzt aus dem Hintergrund eines der goldenen Becken des Schlagzeugs wie ein feierlicher, gebührender Heiligenschein.


Als sich die beiden und Paul Simon am Ende der Darbietung in die Arme fallen, ist Letzterer nicht mehr zu sehen.


Im Übrigen war es unnötig, den oben erwähnten, fruchtlosen Diskurs weiterzuführen. Ich habe auch nicht darauf geachtet, ob der Ignorant womöglich weint. Es galt, sich Angenehmerem zu widmen.

Featuring Kühlschrank.


© Ruth Rockenschaub

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