Endlich noch reicher

Sind Sie morgens eigentlich immer sicher, wer sie sind? Und ob überhaupt? Ich nicht. Und da ich meine durchaus exquisiten Ideen, die mich im Zustand zwischen Schlaf und Wachsein überkommen, nicht an irgendjemand Dahergelaufenes verschleudern will, muss ich mich erst einmal vergewissern, dass ich es bin, die diese vielversprechenden Gedanken hat.

Also wird zunächst überprüft, ob meine richtige Schuhgröße bei Zalando noch abgespeichert ist. Ja, ist sie. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. Dann informiere ich mich darüber, welches Nulltalent seinen Ehemann in Hollywood über Nacht wieder grün und blau geschlagen hat, und nach meiner ersten Schadenfreude über die Trivialität des prominenten Alltags komme ich mir selbst schon relativ bekannt vor. Und weil mir Rituale eigentlich nicht besonders am Herzen liegen, lasse ich mich dann immer ein wenig treiben, um für den vor mir liegenden Tag tatsächlich geistige Klarheit zu erlangen.


Vor ein paar Tagen habe ich allerdings übertrieben. Ich suchte den Namen eines Kollegen, mit dem ich vor Ewigkeiten einen WERNER-Film synchronisiert hatte, kam dabei vom Hundertsten ins Tausendste und stolperte zufällig über ein amerikanisches Internetportal, das die finanziellen Verhältnisse von Menschen in aller Welt dokumentiert. Künstler, Sportlerinnen, Politiker und andere. So etwas gibt es im Ausland offenbar in zweierlei Varianten: Die eine kostet ab einer bestimmten Auskunftsdichte Geld und ist nach hiesigem Recht illegal, die andere ist gratis und nach hiesigem Ermessen Bullshit, aber genau deshalb natürlich besonders interessant.


Und weil ich durchaus finde, dass es größere Loser gibt als mich, die aber wesentlich dickere Bankkonten haben, möchte ich mir die betreffenden Namen gern einmal selbst laut vorlesen, um der Ungerechtigkeit der Welt einen angemessenen Klang zu verleihen.

In unwesentlicher Abwandlung des buddhistischen Mantra Om Mane Padmi Hum entscheide ich mich für Om Money Padmi Hum, meine neue Börsenbeschwörungsformel mit Bekenntnistouch.


Doch noch bevor ich meine Shakren in Position bringen kann, ereilt mich ein schwerer Schock: Nicht nur der, dass ich lebe, nein, ich komme auf diesem Internetportal persönlich vor: Ruth Rockenschaub, lese ich da, das bin ich, Nettovermögen acht Millionen Dollar!


Ich ziehe sofort den Netzstecker, weil ich erst einmal bauchatmen muss. Dann kippe ich umgehend die Chips aus meiner tibetischen Klangschale. Acht Millionen? Unfassbar! Das kürzliche Gespräch mit meinem Bankmenschen begann, soweit ich mich erinnere, mit einer ganz anderen Summe und einem Gesichtsausdruck, den zu beschreiben ich Ihnen erspare. So sieht der Mann nämlich nur aus, wenn er länger nicht nach Thailand fliegen konnte.

Die Rechnung meines Steuerberaters würde allerdings schon eher dazu passen. Aber acht Mios? Die müsste ich doch irgendwie gespürt haben. Todesmutig fahre ich den Rechner wieder hoch und vergewissere mich. Tatsächlich: Es sind immer noch acht Millionen. Zur Vorsicht sehe ich bei einem anderen Anbieter nach, und Oh! Mein! Gott! Hier sind es nur drei Millionen. Wo sind denn jetzt mit einem Mal die fünf Millionen hin? Und so schnell! Wie kann das passiert sein, ohne dass ich einen einzigen Artikel in den Warenkorb gelegt habe? Aber vielleicht, kommt mir als rettender Gedanke, habe ich ja acht bei dem einen und drei bei dem anderen, also insgesamt elf, und die wissen gar nichts voneinander. Das muss es sein! Ahh, meine aufsteigende Existenzangst beginnt sich gerade wieder zu legen. Elf sind nämlich durchaus o.k.


Bester Laune und leicht übermütig wage ich einen dritten Versuch – diese Internetseiten für Nettovermögen sind offenbar zahlreich – und habe umgehend Brechreiz: Ist da das Komma verrutscht oder meinen die echt, ich hätte nur lumpige zweihunderttausend Dollar Nettovermögen? Das ist ja total absurd! 200.000 wären ein lächerliches Fünfundfünfzigstel von elf. Da fehlen doch wohl exakt 10,8 Millionen!


Ich rufe umgehend meinen Steuerberater an, um nach der momentanen Inflationsrate zu fragen. Aber wie immer, wenn mein Geld weniger wird, befindet sich der Herr auf einer Kreuzfahrt mit seinem Freund oder in einem Musical. Ich komme auf die sinnstiftende Idee, es könnten da gewisse Zusammenhänge existieren. Man sollte schleunigst über Alternativen nachdenken.


Wenn ich jetzt tatsächlich nur noch zweihunderttausend habe, muss ich mir kurz vor dem tiefen Fall in die Altersarmut noch schnell selbst eine Freude machen und etwas Gutes tun. Dazu neigen ja bedürftige Menschen wie ich ohnehin eher als die gestopften. Dass unvermögende Leute bereitwilliger teilen als reiche, ist beileibe kein Vorurteil.


Bill Gates, der Softwarekönig mit dem gefälschten Heiligenschein, und El Chapo, der momentan einsitzende Boss des größten Drogenkartells der Welt, sind beide im hohen Milliardenbereich anzusiedeln. Harmlos aussehende Onkels in Wollpullovern mit V-Ausschnitt und Popelinejacken, geeint durch ihre kriminellen Machenschaften. Solche Menschen tun nur Pseudogutes, um von ihren niederträchtigen Machtphantasien abzulenken.


Ich hingegen fahre zum nächstgelegenen Supermarkt und verteile Flyer vor der Tür. Sie besagen, dass es bei diesem Anbieter ab sofort keine toten Tiere mehr zu kaufen geben wird. Dann halte ich eine Packung gefrorener Hähnchenkeulen hoch und behaupte, es handele sich um die letzte, die meistbietend zu verkaufen sei. Die Menge tobt.


Wieder zu Hause, schreibe ich dem Papst seine Kündigung per Einschreiben Rückschein, lasse bei Google Maps alle Ländergrenzen löschen und verbiete den Japanern, weiterhin Wassermelonen in Würfelform zu züchten. Die grünen Leckereien sollen künftig wieder nach Herzenslust herumkugeln dürfen. Dann verordne ich das Tauchen mit Haien, aber ohne Käfig und schaffe das Laufen über glühende Kohlen auf Managerseminaren ab. Die verstörten Führungskräfte müssen sich in Zukunft hinsetzen. Ich unterbinde noch schnell die Verwechslung von Antisemitismus mit Kritik am Staat Israel und beschließe, den Tag angenehm freundlich austrudeln zu lassen.


Bevor mir das so recht gelingen will, siegt meine Neugier und es drängt mich, die Höhe meines Nettovermögens noch einmal zu kontrollieren. Nur zur Sicherheit.


Ich öffne die Seite und erleide einen Schock. Mein Mund wird umgehend trocken, Hände und Augen sind plötzlich sehr, sehr feucht: Mein Nettovermögen beläuft sich auf, sage und schreibe, 20 Millionen Dollar. Es hat sich im Verlauf eines Nachmittags fast verdoppelt! Fuck you, Hausbank!

Ich zähle die Nullen genau nach und nehme zur Kenntnis, dass ich ohne nennenswerte Anstrengung genau so viel Kohle habe wie Astrid Lindgren, die immerhin die Kinder aus Bullerbü und Ronja Räubertochter geschrieben hat. Und Pippi Langstrumpf.

Und Jerry Hall, das Model, das mit Mick Jagger verheiratet war und dann mit dem bereits vor ihrer Ehe mumifizierten Rupert Murdoch, dem reichsten Verleger der Welt, hat nur fünfzehn, also fünf Millionen weniger als ich? Wie schlecht kann man im Bett sein, Jerry?


Abwesenheitsnotiz

Sehr geehrte Damen und Herren,

erfreulicherweise bin ich für unabsehbare Zeit nicht erreichbar und habe auch keinen Netzzugang. Taka-Tuka-Land, Sie verstehen.

@Bankmensch und @Steuerberater: Na nana naa na, nana na na naa na.


© Ruth Rockenschaub

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