True Crime – die vielen Leben des Robert Johnson Teil 2

Dieser Beitrag ist der zweite Teil von True Crime – die vielen Leben des Robert Johnson.


Der Mann auf dem Foto ist ein cooler Typ. Er trägt einen dunklen Anzug mit Nadelstreifen und messerscharfem, breitem Revers. Das Hemd ist weiß, die Krawatte mit diagonalem Muster sitzt, das helle Einstecktuch passt perfekt. Seine Lederschuhe sind makellos poliert, die seidenen Socken faltenfrei. Man hat ihn auf einem verhängten Barhocker vor malerisch wolkigem, dunklem Hintergrund postiert. Den Hut mit Krempe und breitem Band trägt er entspannt schräg. Er lächelt selbstsicher und greift auf seiner Akustikgitarre etwas, das später ein Moll-Akkord werden könnte. Es ist eine Gibson L1, die aufgrund der Bauweise nicht älter sein kann als von 1926. Das gibt uns einen Hinweis auf das Zeitfenster der Entstehung des Bildes.


Dies ist eine der drei oder vier erhaltenen Ablichtungen von Robert Johnson. Auf jenen, die davor entstanden sind, hat er sich noch als hemdsärmeliger junger Bursche mit Hosenträgern und Zigarette im Mundwinkel präsentiert. Und als eines dieser Bilder 1994 auf einer amerikanischen Briefmarke erscheint, wird die Zigarette einfach wegretuschiert. Man muss sich benehmen. Nach dem Tod erst recht.


Die Aufnahme hier fällt in eine andere Kategorie. Sie wird in Memphis inszeniert, im Fotostudio der Gebrüder Hooks, und die waren in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts die heißeste Adresse für Bilder dieser Art. Für schwarze Bürger, versteht sich. Alles andere wäre zu diesen Zeiten undenkbar gewesen.

Robert und Henry Hooks sind selbst ziemliche Styler, die in jedem hippen Funk-Video der Neuzeit eine hervorragende Figur machen würden.

Das Studio hat sich auf Künstlerfotos von Musikern und Entertainern und auf Portraits spezialisiert. Die Graduiertenbilder schwarzer Menschen mit höheren Schulabschlüssen gehen dabei Hand in Hand mit den Aktivitäten der Familie Hooks in der NAACP, der Nationalen Organisation für die Förderung farbiger Menschen, die 1909 gegründet worden war.


Anzug und kostspielige Gitarre auf besagtem Bild sind vorgeblich geliehen. Wer kann schon fünfzig Dollar für ein Instrument erübrigen? Wir lernen: Auch helfen lassen kann man sich in Eleganz.


Robert ist zu dieser Zeit ein junger Mann mit Vergangenheit und ohne Zukunft. Das wissen wir heute.

Seine erste Frau ist bereits vor Jahren bei der Geburt ihres Kindes verstorben. Eine Teenagerehe, ermöglicht durch gefälschte Daten. Er hatte den Eltern des Mädchens das Blaue vom Himmel versprochen. Das soll sich erübrigen: Kaum ist die Gattin tot, widmet sich Robert Johnson einer ganz anderen Schattierung dieser Farbe.

Das Kind findet übrigens keinerlei weitere Erwähnung. Zumindest für eine ausgesprochen lange Zeit. Welchem Umstand dies geschuldet ist, unterliegt der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Man darf davon ausgehen, dass es von den Großeltern reklamiert wird, denn Robert Johnson ist das exakte Gegenteil des perfekten Schwiegersohns und Vaters. Und die Schwiegereltern sind stramme Christen. Die von der unbarmherzigen Sorte. Das verbindet sie mit jener fragwürdigen Verwandtschaft, die ihn später nicht zu dem Kind lassen will, das er mit seiner zweiten Frau hat. Grund? Sie vermögen seine Musik nicht zu billigen.


Zunächst ist zu fragen, wer Robert stilistisch und inhaltlich inspiriert. Sieht er in Memphis eventuell erstmals schwarze Schulbands? Ist ihm W. C. Handy ein Begriff, der Mann, der den Saint Louis Blues geschrieben hat und seine Musik mit einem zwanzigköpfigen Orchester vom Süden der Vereinigten Staaten in die Welt trägt?


Robert hat seine ersten jugendlichen Gehversuche auf Maultrommel und Mundharmonika absolviert, als er mit etwa sechzehn Jahren, also zirka zwischen 1927 und 1929, die erste eigene Gitarre in Händen hält. Vielleicht war es eine Kalamazoo, eine Variante der Gibson für ein Viertel des Preises, oder eine Stella. Die Wissenschaft streitet sich.

Noch hat Robert etwa ein Jahrzehnt zu leben.

Wie wird man in diesem Tempo ein Musiker von künftiger Bedeutung?

Fernsehen? Noch nicht. Internet? Scherzfrage. Radio? Ja, aber nicht für die Sorte Musik, die Robert Johnson anstrebt. Da würden die Programmverantwortlichen schon bei so mancher erster Textzeile in eine solide Schockstarre fallen. Also noch schlimmer als heute.

Und Roberts Anfänge sind auch nicht besonders vielversprechend.


Er geht dorthin, wo die Musik spielt, und da kaum eine klangliche Regung aus dem Nichts auf uns herabträufelt, gibt es auch für ihn Vorbilder, denen er folgt, und das in jeder Hinsicht.

Es sind Charlie Patton, Son House und Willie Brown, die Urväter des Deltablues. In Mississippiwasser getauft. In der Hitze des Deltas musikalisch gereift. Ohne sie kein Muddy Waters, kein Howlin‘ Wolf, kein John Lee Hooker und eben auch kein Robert Johnson.

Das Dumme ist nur, dass Robert Johnson entsetzlich nervt.


Es sind ausgerechnet seine Vorbilder, die er unentwegt bedrängt, doch in den Pausen zwischen ihren Darbietungen spielen zu dürfen, und er findet sich immer wieder vor Zuschauern, die ihm sehr klar zu verstehen geben, was sie von seinem unterirdischen Gitarrenspiel halten.

Er wird ausgelacht, verspottet und verhöhnt und obwohl er weiß, auf welch vermintes Gelände er sich begibt, lässt er nicht locker. Dieser Mann hat beileibe nicht vor, seine Zeit zwischen der Kirche und den Feldern einer Farm zu verbringen, und er wird ein Leben nach sehr eigenem Geschmack führen.


Das erklärte Ziel des Robert Johnson ist der Sündenfall, denn der Blues ist die Musik des Teufels.


Den Blues zu haben, also betrübt zu sein, ist erlaubt und angesichts der Lebensumstände der Zeit und Gegend auch nicht weiter verwunderlich. Ihn jedoch in Musik zu wandeln und, anstelle eines Gebets im nächsten Gotteshaus, gar zu spielen, gilt als lasterhafte Ausschweifung und abzustrafender Verstoß gegen die herrschende Moral. Ein Brandmal für die Ewigkeit. Zumindest aber für die Dauer eines Menschenlebens.


Interessanterweise hat der Blues mit jenen Menschen, die sich am meisten über ihn erregen, nicht das Geringste zu tun. Er ist kein Gegenpart zur religiösen Musik. Er entspringt einer Lebens- und Arbeitssituation, für die ein Glaubensbekenntnis Trost sein mag. Musikalisch jedoch fährt er völlig ungerührt an jeder Kirche vorbei.


Als sich Jahrzehnte später diverse fest im Christentum verankerte Gospelkünstlerinnen und -künstler auf die weltliche Seite der Musik schlagen und der Soul entsteht, wird der auch ein weißes Publikum finden. Wenngleich nicht gutzuheißen, ist die Entrüstung der Fundamentalisten hier noch nachvollziehbar, da man Künstler und Publikum für das sakrale Element zu verlieren droht. Und da geht es dann schlicht und ergreifend auch ums Geld. Ich nenne stellvertretend Sam Cooke und Whitney Houston.


Hier allerdings, im Falle der Missbilligung des Blues, heißen die Themen Drangsalierung, Knebelung und Freiheitsentzug. Die Unterwerfung ist bevorzugte Strategie der Verkündiger, sobald sie den Verfall der guten Sitten zu wittern meinen und soziale Aufruhr befürchten. Ihrer guten Sitten, sei hinzugefügt. Da kommt es dann gelegen, dass man über eine Religion verfügt, die man den importierten Arbeitskräften für Generationen überstülpen kann, als wären sie leere Behältnisse, die der Befüllung bedürften.

Leider haben die Herrenmenschen in ihrer Beschränktheit etwas Wichtiges übersehen:

Ich zitiere den Philosophen und Aktivisten Dr. Cornel West:

Das Beste, was die Blues-Leute je hatten, sind vier Fragen: Wie begegnet Integrität der Unterdrückung? Was tut Ehrlichkeit angesichts von Täuschung? Was macht Anstand angesichts von Beleidigung? Und was macht Mut angesichts roher Gewalt? Und das ist der Blues. Zitat Ende.

Und das sollte doch sogar für fanatische Dauerbeter Erleuchtung beinhalten, falls sie mal einen Moment Zeit zum Nachdenken finden.


Der Aufbruch der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts gestaltet sich im Süden der U.S.A. weitgehend anders als im Rest der Welt. Während in den Metropolen getanzt und gekokst wird, was das Zeug hält, die schwarze Künstlerin Josephine Baker in Paris mit nacktem Oberkörper auftritt und die Massen begeistert und ein wirtschaftlicher Aufschwung von noch nie dagewesener Größe stattfinden kann, brodeln in Mississippi Schikane und abgrundtiefer Hass.


Sie erinnern sich eventuell an meine Beschreibung des Totenscheins von Robert Johnson im ersten Teil dieses Beitrags. Ganz unabhängig von dessen mangelnder Vollständigkeit wurde nie nachgeforscht, ob ein Fremdverschulden vorgelegen haben könnte. Der Tote ist ein schwarzer Musiker, dessen Ableben nicht die geringste Wichtigkeit beigemessen wird.

Es sind keine Menschen betroffen, sofern die Opfer nicht weißer Hautfarbe sind. Alle anderen werden mit Tieren oder Gegenständen gleichgesetzt.

Im heutigen Polizeijargon der U.S.A. gibt es dafür gar einen Begriff: NHI- No Humans Involved. Keine Menschen beteiligt. Und so mündet die historische Tatsache letztlich in ein kaltblütiges, modernes Kürzel vom Charakter eines Peitschenhiebs. Wer denkt, es würde aktuell an Bedeutung verlieren, hat den Knall nicht gehört.


Menschen wie Robert Johnson bewegen sich in ausgesprochen feindlicher Umgebung. Als schwarze Frau und schwarzer Mann hat man sich nicht nur des Nachts umzusehen, wer hinter einem her ist. Niemand ist vor den Nachstellungen weißer Rassisten sicher, und der Ku-Klux-Klan, ein krimineller, gewalttätiger Geheimbund, der allerdings die Öffentlichkeit nicht weiter scheut, feiert gespenstische Urstände in lächerlichen, blütenweißen Spitzhutkostümchen mit integrierter Gesichtsmaskierung.


Jemandem wie Robert Johnson ist das Betreten bestimmter Gebäude und gewisser Gegenden untersagt, und selbst Dienstleistungen sind nach, so genannten, Rassen getrennt.

Und dennoch soll Robert Johnson erfolgreichster Wandermusiker der zweiten Delta-Generation werden.

Zunächst allerdings muss er in die Lehre.


Zur großen Erleichterung seiner Idole verschwindet Robert aus deren Gesichtsfeld. Plötzlich, spurlos und beinahe zwei Jahre lang. Endlich herrscht Ruhe.

Und genau hier teilt sich die Chronik seines Lebens in mehrere Legenden, denn als Robert wieder auftaucht, ist er ein ganz anderer.


Die einen sagen, er sei in seinen Geburtsort Hazlehurst zurückgekehrt, um endlich den leiblichen Vater kennenzulernen und habe dort den sehr versierten Gitarristen Ike Zimmermann getroffen, der ihm mit nächtlichen Übungsstunden auf einem ruhestörungsunanfälligen Friedhof die nötigen Spieltechniken beibringen kann. Die anderen behaupten, er habe dem Teufel seine Seele verkauft und als Gegenwert sein virtuoses Spiel und einen frühen Tod empfangen. So manche meinen gar, den genauen Hergang des diabolischen Handels ausgemacht zu haben und darüber Spielfilme verfassen zu sollen.


Die Grundidee ist zweifellos spektakulär und lässt sich in den folgenden zehn Geboten zusammenfassen:

Eins: Die Teufelslegende ist weder neu, noch exklusiv an den Blues gebunden. Es gibt sie, seit Engel vorgeblich in Ungnade fallen und somit der Unterwelt zugeschlagen werden. Wer sich als Engel nicht benimmt, wird automatisch zum Teufel, hat also umgehend mehr zu lachen.

Zwei: Der Pakt mit dem Teufel ist marketingmäßig in jedem Fall schnittiger. Vereinbarungen mit Engeln sind unsexy und interessieren keine Sau.

Drei: Wenn Menschen Verbindungen mit Teufeln eingehen, wird streng nach Geschlechtern unterschieden: Männer bekommen als Gegenwert eine verbesserte Leistung. In der Musikgeschichte funktioniert das schon länger. Kümmern sie sich um den italienischen Geiger Paganini, geboren im 18. Jahrhundert, und seinen Vorreiter.

Frauen, die sich mit dem Teufel einlassen, sind Schlampen mit gespreizten Beinen, die gar nichts bekommen, außer vielleicht Schwierigkeiten. Oder einen Scheiterhaufen. Das ist der Grund dafür, dass Madonna immer noch nicht singen kann, obwohl sie, nach fundamentalistischer Sicht, geradezu in Teufelssymbolen badet.

Vier: Wiewohl es das Christentum der Welt höchst beglücken würde, hat es keinerlei Exklusivrechte auf satanische Traditionen. Der Teufel ist immer und überall, und Unterschiede zwischen Menschen gibt es nicht.

Fünf: Robert Johnson lebt in einer Umgebung, die über eine Parallelreligion verfügt. In seiner Gegend heißt sie Hoodoo, kommt aus Afrika und basiert dortselbst bereits auf einem Kreuzungsmythos. Und Hoodoo war zuerst. Die afrikanischen Zwangsimportierten waren anfänglich im Leben keine Christen.

Sechs: Ist es eigentlich wirklich von Bedeutung, ob Robert Johnson den Teufel an einer unscheinbaren Kreuzung in Mississippi getroffen hat? Nö.

Sieben: Was ist das Gefährlichste an einer Teufelslegende? Der Teufel als solcher schon mal sicher nicht, siehe erstes Gebot. Das Gefährlichste an einer Teufelslegende ist ein Klischee. Und das besagt, dass ein Mann wie Robert Johnson ohne magische Hilfestellung gar nicht in der Lage wäre, eine unerwartete Leistung zu erbringen.

Acht: Die wirkliche Beschwörungsformel lautet: Üben, üben, üben.

Neun: Üben, üben, üben sticht Teufelslegende.

Zehn: Wir brauchen nur neun Gebote. Es ist alles gesagt.


Robert Johnson kehrt also aus seiner geheimnisvollen Klausur zurück, und kaum hat er die ersten Akkorde gespielt, fallen die Kinnladen nach unten und die Augen weiten sich.

Was macht der Mann da? Wie kann es sein, dass er gegen seinen eigenen Rhythmus gleichzeitig einen zweiten spielt? Und dazu noch singt wie ein Irrer? Und warum klingt das alles wie noch nie zuvor? Und wie, um Himmels Willen, hat der Mann seine Gitarre gestimmt? Außerdem: Wohin hat sich eigentlich das berühmte Schema verzogen, nach dem der Blues bisher zu funktionieren schien? Zählt man die Takte plötzlich anders?

Und dann diese Geschichten, die der erzählt! Über untreue Weiber und widerliche Säcke, über Sex und Saufereien, und Knarren, Nebenbuhler und gehörnte Ehemänner, über Höllenhunde, schmerzende Herzen und geschwächte primäre Geschlechtsmerkmale, denen er Tiernamen gibt.

Die Frauen heißen Miss So-and-So, Baby und Chiney und China, Ida Belle, und Betty Mae und Willie Mae. Und es strotzt nur so vor Autos und Zügen und Bussen, die ihn von der einen weg und zur anderen hin bringen. Wer mag die Little Queen of Spades gewesen sein? Die kleine Pik-Dame. War das etwa die, die ihn im Schlafzimmer eine Schürze tragen ließ?

Könnte es sein, dass der Leibhaftige gegen diese Ladies ein Leichtgewicht ist?

Hören und lesen Sie am kommenden Donnerstag mit dem dritten Teil den Abschluss von True Crime – die vielen Leben des Robert Johnson.


Zitat: Dr. Cornel West, Copyright: Dr. Cornel West

Quelle: „A Lesson From The Blues“ www.apbspeakers.com/speaker/cornel-west


© Ruth Rockenschaub

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