True Crime – die vielen Leben des Robert Johnson Teil 1

Den genauen Geburtstag des Mannes kennen wir nicht. Vielleicht wusste den nur seine Mutter, aber die können wir nicht mehr fragen. Außerdem hatte sie elf Geburten hinter sich gebracht. Da darf man schon mal durcheinanderkommen.

Viel wahrscheinlicher allerdings ist, dass es niemanden wirklich interessiert hat, wann genau sie mit dem Jungen niedergekommen ist. Und nun ist er tot.

Auf dem Totenschein wird sein Alter ohne jede weitere Dokumentation mit sechsundzwanzig Jahren angegeben.

Wie bitte? Nicht siebenundzwanzig? Aber er war doch ein bekannter Musiker und gehörte angeblich zum Club derer, die allesamt in genau diesem Alter gestorben sind: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Amy Winehouse, Jim Morrison, Brian Jones, Kurt Cobain! Und war er nicht der Erste auf dieser Liste, der mysteriöse Mann aus Mississippi?

Ohne verbrieftes Geburtsdatum keine Mitgliedschaft, auch, wenn es noch so cool geklungen hätte.


Auf dem Papier steht, er habe den Beruf seit zehn Jahren ausgeübt und der Name des Vaters lautete Norah Johnson. Da Ehen zwischen zwei Frauen in den U.S.A. des Jahres 1938 noch nicht legal waren, gehen wir mal davon aus, dass eigentlich Noah gemeint war. Der Name der Mutter war Julia Major Willis, auf dem Totenschein verkürzt auf Julia Major. War wohl auch nicht von Bedeutung.

Der Familienstand des Toten wird als single angegeben. Das ist falsch. Der Mann war verheiratet oder geschieden und verwitwet. Auch das offenbar von geringem Interesse. Ebenso wie der Name seiner Ehefrau. Sie hieß Caeletta Craft und war fünf Jahre vor ihm verstorben. Eine der vielen Zeilen des Papiers, die unausgefüllt bleiben.

Wir erfahren immerhin noch, dass der Mann schwarzer Hautfarbe war und, einen Tag nach seinem Ableben, also am 17. August 1938, beerdigt wurde. Angeblich von der Familie. Die er allerdings nicht hatte.

Auf der rechten Seite des, immerhin amtlichen, Schriftstücks herrscht gar gähnende Leere: Todesursache? Nicht erwähnt. Wann wurde er zuletzt lebend gesehen? Keine Auskunft. Innerliche oder äußerliche Verletzungen? Nicht genannt. Autopsie? Offenbar keine. Ein Arzt? Im Gegenteil: No doctor, steht da.


Die Leiche wird in die Zion Church verbracht. Ob sie dort aufgebahrt, kremiert oder beerdigt wird, ist nicht bekannt, wiewohl auf einer Tafel, die heute vor der Kirche steht, die Vermutung geäußert wird, er habe auf dem Grundstück seine letzte Ruhe gefunden.

Und schon haben wir gelernt, dass wir wenig wissen und, vor allen Dingen, noch weniger glauben sollten, was über dieses verlöschte Leben geschrieben steht.


Seit 1990 existiert auf dem Friedhof der Payne Chapel Memorial Baptist Church in Greenwood, Mississippi, dem Sterbeort, ein Ehrenmal für den Mann. Auf dem grauen Granitgrabstein von anrührender Bescheidenheit stehen die vermuteten Geburts- und Sterbedaten und sein Name: Robert Johnson. Über diesen Familiennamen wird noch zu reden sein.

Es sind eine Gitarre und ein Notenschlüssel eingraviert und, zu guter Letzt, der Satz: RESTING IN THE BLUES.

Menschen hinterlassen Blumen und bunte Plektren, um dem Mann Ehre zu erweisen. Wo sich seine sterblichen Überreste wirklich befinden und was genau zu seinem Tod geführt hat, werden wir nie erfahren.

Und so liest es sich also, das Lebensende eines der wichtigsten Gitarristen der Musikgeschichte: Ungereimt, geheimnisvoll und schonungslos.


Angeblich starb er an Syphilis. Oder einer Vergiftung. Oder durch das Messer eines aufgebrachten Nebenbuhlers.

Möglicherweise war ein anderer Musiker und Freund anwesend, David „Honeyboy“ Edwards, und der spricht von Whiskey, der mit Strychnin versetzt war. Angemischt von einem gehörnten Ehemann.

Robert habe ihn am Freitag, den 13. August, getrunken, Schaum vor dem Mund gehabt und, auf allen Vieren kriechend, den Mond angeheult. Drei Tage danach sei er gestorben.

Das klingt wirklich anschaulich und beeindruckend. Allein, der einzige Freitag, der im Jahr 1938 ein dreizehnter war, fand im Mai statt. Im August gab es keinen.

Die Todesursache hingegen klingt relativ plausibel. Aber das tun auch Messer und Geschlechtskrankheit. Robert Johnson war ein Frauenheld.

Merkwürdig nur, dass keine dieser Angaben in den Papieren aufscheint. Hat sich Honeyboy etwa vorzeitig aus dem Staub gemacht? Musste er Verwicklungen befürchten, die ihm geschadet hätten? Vielleicht war er auch gar nicht vor Ort. Eine erbärmliche und trostlose Szenerie allemal.


Und dabei war Robert Johnson just zu einem Konzert nach New York eingeladen. In die Carnegie Hall, den großen Musentempel inmitten Manhattans. Wie außerordentlich wäre es gewesen, ihn dort spielen und, vielleicht danach, im nahegelegenen Russian Tea Room ein Getränk nehmen zu sehen. Der war damals total hip. Hätte ein schwarzer Mann dort hineingedurft? 1938? Als Gast? Durch den Vordereingang? Fraglich.


Das New Yorker Konzert From Spiritual to Swing war Auftakt einer Reihe, im Rahmen derer Veranstalter John Hammond Jazz-, Blues- und Gospelmusiker präsentierte: Big Joe Turner, Sister Rosetta Tharpe, das Count Basie Orchestra, Sidney Bechet, oder auch seine Entdeckung Billie Holiday. Der Mann hatte eine Mission: Er wollte diese Art der Black Music dem breiten Publikum erschließen.


John Hammond hatte sich redlich bemüht, Robert Johnson, den zu diesem Zeitpunkt längst amtlichsten Bluesgitarristen Amerikas, ausfindig zu machen und ihm die gute Nachricht zu überbringen. Allerdings war der nicht aufzutreiben, und als man endlich wusste, wo er war, war er tot.


Im besagten Konzert stand zu Ehren Johnsons ein Stuhl auf der Bühne. Darauf ein Grammophon, das seine Musik abspielte. Die Leute sollen ausgeflippt sein vor Begeisterung. Das war mehr Anerkennung als ihm je zu Lebzeiten in Mississippi erwiesen worden war.


Geboren wird Robert Johnson, so viel scheint sicher, in Hazlehurst, Mississippi – Anfang des letzten Jahrhunderts nicht mehr als ein verschlafenes Kaff mit Bahnhof, Hauptstraße und ein paar Läden. Der Name des Mannes, der den Bau der Bahnlinie geleitet hat, muss auch als Benennung für die Ansiedlung herhalten. Solche Dinge sind bisweilen sehr prosaisch.


Hazlehurst sieht heute noch so aus, wie sich unsere cineastische Fantasie die Szenerie einer typischen amerikanischen Kleinststadt vorstellt, in der Gottes Wort noch etwas gilt und die Skandale hinter verschlossenen Türen bleiben. Bis einer redet und die Hölle losbricht.


Um die Zeit von Roberts Geburt liegt die Zahl der Einwohner bei etwa zweitausend. Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist afrikanischer Abstammung. Daran hat sich bis heute nicht viel verändert. Hazlehurst lebt von der Landwirtschaft. Gegenwärtig Tomaten und Kohl, damals Baumwolle.


Roberts Geburtshaus ist erhalten, steht aber nicht mehr an der ursprünglichen Adresse in der Damascus Road, einer einsamen, ländlichen Angelegenheit, auf die man vom Highway Nummer 51 abbiegen kann und die an einer vielsagenden Metallbarriere abrupt endet. Road Closed. Stop.


Kurz davor, bei Hausnummer 1037, befindet sich auf manikürtem Rasen eine artige Baptistenkirche mit Bonsaifriedhof und uneitlen Grabsteinen. Der Rest der Damascus Road ist links wie rechts wild und ungezügelt bewachsen. Nur hin und wieder leuchten ein ambulanter Trailer oder ein schlichtes Haus aus dem üppigen Grün. Wo genau mag sich Roberts erste Adresse hier befunden haben?

Das Haus muss vor einigen Jahrzehnten weichen – ein Mangel an Platz dürfte nicht der Grund gewesen sein – und wird gut zweieinhalb Meilen weiter in die Miller Road versetzt. Die befindet sich auf der anderen Seite der Autobahn und gleicht der Damascus Road bis ins Detail. Vielleicht ist sie noch ein wenig dichter bewachsen. Die ausladenden Baumkronen bilden einen satten, zum Himmel hin beinahe geschlossenen Tunnel aus Grün.

Und als müsste die Tatsache als Sinnbild für den ewig wandernden Bluesmusiker des frühen letzten Jahrhunderts herhalten, ist für das Haus auch dort kein Bleiben. Eine letzte Etappe steht an: Etwas mehr als fünf Meilen weit in die Southern Lowe Street. Dort ruht es nun im rückwärtigen Garten des Heritage House Cultural Center, dessen Vorderfront zur Downing Street zeigt. Ein Mann. Ein Geburtshaus. Vier Adressen.


Das Heritage Center, ein unspektakulärer Bau mit Terrasse auf der Vorderseite, sieht gut sortiert und manierlich aus, was man über das Geburtshaus Robert Johnsons, das eigentlich eine Hütte ist, nicht sagen kann.

Man hat sie auf ein Fundament aus Ziegelsäulen gehievt, um ihr Stabilität zu geben. Das Holz der Wände ist verwittert und verblichen.

Die Latten, aus denen die Konstruktion besteht, sind relativ nachlässig zusammengefügt, unterschiedlich lang und fallen teilweise ab. Eines der fadenscheinigen Fenster ist mit Brettern vernagelt und bietet einen Sehschlitz. Die Rückwand besteht aus einer dünnen, fleckigen und rissigen Spanplatte. Dieses Domizil als Baracke zu bezeichnen, wäre geprahlt. Wie viele Menschen mögen in dem Verschlag gelebt haben?

Die Gemeinde ist aktuell bemüht, Geld für die Restaurierung aufzutreiben, denn Robert Johnsons Geburtsort ist wichtiger Teil des Mississippi Blues Trail, der jene Menschen nennt und Orte kennzeichnet, die für die Geschichte des Blues und der angrenzenden Musikgenres von Bedeutung sind. Der Trail hat immense kulturelle und touristische Bedeutung.


Die Namensliste der Künstlerinnen und Künstler aus Mississippi ist ehrfurchtgebietend, königlich und von enormer historischer Reichweite.

Ich nenne, stellvertretend für ausnehmend viele, die wenigen Folgenden: B. B. King, Bo Diddley, Albert King, Dorothy Moore, Howlin‘ Wolf, John Lee Hooker, Denise LaSalle, Little Milton, Mose Allison, Muddy Waters – wer bei Nennung dieser Namen bisher keinerlei körperliche Reaktion zeigt, darf sich an dieser Stelle ganz dezent verabschieden – Sam Cooke, Buddy Guy, Bukka White, Elmore James, Pops Staples und die Staples Singers, Rufus Thomas, Willie Dixon – und Ihnen ist längst klar: Irgendetwas ist dort im Wasser.


Der Trail zeige, was Mississippi der Welt gegeben habe, heißt es in einem Werbevideo.

Das stimmt. Er zeigt allerdings auch, was sich die Welt einfach genommen hat, ohne um Erlaubnis zu fragen oder sich erkenntlich zu zeigen. Ich komme darauf zurück.


Die Zukunft des Kindes Robert ist vorhersehbar und eigentlich unausweichlich, und doch kommt schließlich alles ganz anders:

Robert ist ein außereheliches Kind seiner Mutter mit dem Erntearbeiter Noah Johnson. Julia ist mit Charles Dobbs verheiratet, mit dem sie zehn Kinder hat. Dass er nicht mit seinem leiblichen Vater lebt, weiß Robert nicht.

Charles Dobbs ist ein ausgesprochen erfolgreicher Landbesitzer. Ungewöhnlich für einen schwarzen Mann im Amerika dieser Jahre. Unerhört, nach Meinung so manchen weißen Mitbürgers. Derartige Wohlhabenheit ist dazu angetan, die Minderheit anzustacheln, den geschäftstüchtigen Konkurrenten mit Lynchjustiz zu bedrohen.

Dieser Begriff steht für Taten außerhalb des Rechtssystems eines Staates. Opfer der Lynchjustiz werden bei lebendigem Leib aufgehängt oder verbrannt, manchmal auch beides, in den Tod gestürzt oder, angehängt an Fahrzeuge, zu Tode geschleift.

Körperteile von Opfern, ebenso wie professionelle Fotos der Toten, gelten zu jener Zeit als beliebte Souvenirs, die Bilder noch lange Jahre als Sammlerstücke. Bitte hören Sie in diesem Kontext Strange Fruit von Billie Holiday. Die besungenen seltsamen Früchte an den Bäumen sind aufgehängte Lynchopfer.


Charles Dobbs ist durch die Drohungen seiner feindlichen Neider gewarnt, flieht nach Memphis und lebt dort unter dem Namen Charles Spencer weiter.

Und so hat auch Robert das Glück, für einige Zeit Stadtluft schnuppern zu können. Er trägt zu dieser Zeit den Nachnamen seines Stiefvaters.


Robert Spencer soll in Memphis zur Schule gegangen sein. Es gilt als sicher, dass er alphabetisiert wird. Keine Selbstverständlichkeit für ein schwarzes Kind aus dem tiefen Süden.

Die Existenz seiner immer wieder genannten Schule ist allerdings nicht belegt. Zweifelsfrei hingegen ist, dass es zu dieser Zeit ausschließlich nach Hautfarben getrennte Bildungsstätten gibt.

Die Schulen für weiße Kinder sind zahlreicher und baulich ansehnlicher, jene für alle anderen auf ein umfangreiches ehrenamtliches Engagement angewiesen, um überhaupt Unterricht und ein Gebäude anbieten zu können. Schließlich waren während der Rassenunruhen des Jahres 1866 in Memphis sämtliche acht Schulen für schwarze Kinder niedergebrannt worden.

Es wird noch Jahrzehnte dauern, bevor sich die Stadt dazu durchringen kann, Kinder verschiedener Hautfarben in einer Schule zuzulassen. 1973 muss gar per Gerichtsurteil durchgesetzt werden, dass schwarze, braune und weiße Kinder in ein und demselben Schulbus transportiert werden dürfen – ein bei den weißen Eltern so unpopulärer Schritt, dass eine große Anzahl deren Kinder fortan von den öffentlichen Schulen ab – und in Privatschulen angemeldet werden.


Robert soll bis etwa 1919 oder 1920 in Memphis zur Schule gegangen sein. Dann heiratet seine Mutter ein weiteres Mal. Sie hat einen Hang zu jüngeren Männern. Roberts leiblicher Vater war zehn Jahre jünger gewesen als sie, sein erster Stiefvater neun, der zweite 24 Jahre. Die Familie lebt auf jener Plantage, für die Julias gegenwärtiger Mann arbeitet.


Es findet sich kein Hinweis darüber, dass das Kind den Nachnamen des Mannes je getragen hätte.

Wie mag es sich auf das Verhältnis zwischen Ehemann und Stiefsohn ausgewirkt haben, dass Letzterer über eine gewisse Bildung verfügte, Ersterer aber nicht einmal des Lesens und Schreibens mächtig war? Der neue Mann der Mutter ist nur etwa 13 Jahre älter als Robert und arbeitet als Erntehelfer. Es wird kolportiert, Robert habe eine deutliche Abneigung gegen körperliche Arbeit auf dem Feld gehegt. Er will es unbedingt vermeiden, sein Leben in der Landwirtschaft fristen zu müssen.


Im Jahr 1920 wird Robert Spencer in einer Volkszählung Mississippis erfasst. Allerdings ist sein Geburtsdatum dort mit „etwa 1913“ angegeben. Eine dokumentierte Auskunft der Mutter. Also doch nicht 1911? Das würde bedeuten, dass er beim Zeitpunkt seines Todes erst 24 oder 25 Jahre alt gewesen sein könnte – ich verweise auf den Anfang dieses Beitrags – und bei seiner Eheschließung mit Caeletta Craft im Jahr 1931 vermutlich 17 oder 18 Jahre alt.


Als Roberts Mutter ihn darüber informiert, wer sein leiblicher Vater ist, nimmt der Junge umgehend dessen Namen an, obwohl er ihn noch nicht persönlich kennt. Ein Kind, drei Namen. Robert Johnson ist geboren.

Hören Sie in der kommenden Woche alles über die musikalische Welt des Robert Johnson, seine Songs, über weltberühmte Wegelagerer und Plünderer sowie den wichtigsten Mythos seines Lebens.



Wer nicht lesen will, muss hören!

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© Ruth Rockenschaub

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