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Errare humanum what?

Werte Anwesende! Sie sehen mich erschüttert und gerührt, seit Ihre Anfragen zu den vordringlichen Szenerien des Lebens in Bündeln bei mir eintreffen.

Nach dem kürzlichen Beitrag zum Thema Online Dating, siehe ARAL – Ebbe und Glut – erreichten mich zum dornenreichen Themenkomplex Eltern und angrenzende Traumata knapp vierhundert verstörte Nachrichten wie diese:


Ratlos an Rockenschaub fragt:

Stimmt das überhaupt?

Meine Eltern wollen, dass ich Ärztin werde. Später soll ich in die Politik gehen. Wahrscheinlich Gesundheitsministerin. Deshalb lerne ich seit der 5. Klasse Latein.

Eigentlich möchte ich lieber etwas Kreatives machen. Tätowieren, oder so. Ich finde, dass Latein eine hässliche Sprache ist. Mein Lateinlehrer nervt total. Der ist so was von gestört und autoritär, und Mamma und Pappa auch.

Immer, wenn ich etwas gegen Latein sage, höre ich: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir!“

Stimmt das überhaupt?


Rockenschaub an Ratlos antwortet:

Liebe Leistungsverweigerung,

hast Du sie noch alle?

Lies Dir den Satz doch noch einmal laut und langsam vor! Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Na?

Hat irgendjemand an irgendeiner Stelle behauptet, dass es ein Leben in der Schule gibt? Siehst Du.

Lehranstalten sind chronisch kranke Organismen mit stinkenden Turnhallen hintendran, und Du bist mittendrin. Der Lebensabschnitt, den Du dort verbringst, ist eine in Raum und Zeit deformierte Leibeigenschaft mit der Charakteristik einer großflächigen Akne, deren Kraternarben man ein Leben lang sehen wird.


Übrigens: Schöne Grüße an Deine Eltern. Die haben auch keine Ahnung.

In Wirklichkeit ist dieser ranzige Spruch nämlich gar kein Spruch, sondern ein Originalzitat. Und das lautet genau andersherum, nämlich: Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir.

Aha!

Aber warum?

Weil sich ein schlauer Typ damit öffentlich über die Qualität der Schulen beschwert. Hier geht es konkret um Philosophieschulen. Und wenn da der Lehrplan schon hinkt, bei den echten Klugscheißern, was ist dann erst im Rest der Welt los, bitte?


Der Mann klagt ausführlich darüber, dass in der Schule Kinderspiele gespielt und überflüssige Probleme behandelt werden, die einen nicht auf das echte Leben vorbereiten. Er vermisst den gesunden Menschenverstand!

Hm, interessant!

Und seit wann regt sich der so auf? Etwa seit dem letzten Elternabend vor zehn Tagen?

Oh, nein! Den Anfall hatte der vor knapp zweitausend Jahren. Ja, da staunt die Gymnasiastin, nicht wahr? Und hätte der Unterricht besser auf seine Schülerin aufgepasst, würde die auch den Namen des Urhebers kennen: Lucius Annaeus Seneca.

Seneca war so schlau und erfolgreich wie ein Dutzend Nobelpreisträger auf einen Haufen: Philosophie, Naturkunde, Dramaturgie, Politik, und was weiß ich noch alles, allerdings auch ein ziemlich doppelgesichtiger Scheißkerl, was aber hier jetzt nicht so wichtig ist.


Zu seiner Zeit sprach man im Römischen Reich Latein, und Seneca wurde Lehrer des späteren römischen Kaisers Nero.

Und falls Mamma und Pappa gerade wieder besonders schlau sein wollen: Nein, bei Nero handelt es sich nicht um die gleichnamige Software zum Brennen von CDs.

Dass die den Namen „Nero burning Rom“ trägt, bzw. Rom, orientiert sich an einem mörderischen Brand im Jahr 64 nach Christus.

Rom fiel einem gigantischen Feuer im Auftrag Neros zum Opfer, sagt man zumindest. Er wollte die urbane Optik ein wenig ansprechender stylen, steht geschrieben. Ein heißer Abriss also.


Natürlich ist „Nero burning Rom“ ein total geschmackvoller, witziger Produktname. Man sollte die Dinge immer nach sehenswerten Ereignissen und faszinierenden historischen Persönlichkeiten benennen.

Es soll ja bald auch Holzkohle der Marke Bolsonaro burning Amazonas geben. Spannend!


Auch Nero hatte, genau wie Du, liebe Leistungsverweigerung, ausgesprochen ehrgeizige Eltern, die nur das Beste für ihn wollten. Da sehen wir doch gleich einmal nach, wie positiv sich die Wünsche der Erzeuger auf ihren Nachwuchs auswirken können:

Da ist zum einen der Adoptivvater, selbst Kaiser von Beruf, und vor allem Neros Mutter, und die führt ein unerbittliches Regime: Als der Knabe zwölf Jahre alt ist, bucht sie diesen Seneca als Coach.

Mit dreizehn wird Nero offiziell für erwachsen erklärt und bekommt erste politische Ämter. Das kannst Du dann ja mal mit den Jungs in Deiner direkten Umgebung vergleichen. Ich meine die mit der Playstation®.

Mit sechzehn heiratet Nero eine dreizehnjährige Blutsverwandte. Mit siebzehn ist er Kaiser des Römischen Reichs. Da hast Du noch nicht mal Abitur.

Sein Machtbereich sieht größenmäßig so aus, als hätte eine intergalaktische Riesenkuh einen gigantischen Fladen über dem Mittelmeer abgeworfen und einen durchgedrehten Interrailpass mit Abstecher nach Britannien und Nordafrika und Arabien und den Nil hinunter rausgeschissen.

Alles Rom, alles Neros Machtbereich.


Mutti hatte übrigens beim Adoptivvater Kaiser Claudius mit Gift nachgeholfen, damit der gepimpte Teenager Nero auf den Posten nachrücken konnte. Und der hat gut aufgepasst, denn Mord wurde eines seiner liebsten Hobbys. Gern auch mit Folter. Innerhalb der Familie, außerhalb der Familie, Andersgläubige, angeblich Ungefügige, weg damit.


Im Jahr 65 befiehlt Nero seinem Lateinlehrer Seneca, sich wegen des Verdachts einer Verschwörung das Leben zu nehmen, und Seneca folgt dem Befehl. Das gehört sich damals so. Und damit möchte ich Dich nicht auf merkwürdige Gedanken bringen, liebe Leistungsverweigerung, die Deinen Lateinlehrer beinhalten könnten, o.k.?


Zwei Jahre später heiratet Nero einen Mann, den er zunächst kastrieren lässt und dann in Griechenland in einer formellen Zeremonie zur Frau nimmt. Er nennt sie Sabina. Sabina hat nichts mit der Sabine aus meinem Beitrag Die beste Sprecherin der Welt vom 10. November zu tun.


Im Jahr 68 setzt Nero seinem Leben selbst ein Ende. Die langjährige Geliebte Claudia übernimmt die Bestattungskosten.

Wenn das keine Karriere ist.


Und nun wissen wir auch, warum Latein heute nur noch im Vatikan Amtssprache ist. Wer würde sich besser mit solchen Existenzen auskennen als die katholische Kirche?

Im Rest der Welt ist Latein nur noch in den Wissenschaften und Schulen ein Thema.


Und Du hast natürlich völlig recht, liebe Leistungsverweigerung, es klingt hässlich, um nicht zu sagen ätzend.

Allerdings ist Latein an sich daran total unschuldig. Wer weiß denn schon, wie die lateinische Sprache klang? Niemand. Was man uns in Lehranstalten vermittelt, sind schwindelerregende akustische Hirngespinste aus braunen ledernen Lehrertaschen, vermittelt von Stimmen, die klingen wie Laubbläser.


Wir wissen was geschrieben wurde, nicht aber, welchen Rhythmus und welche Melodie Latein hatte. Gab es Ober- und Untertöne, sirenenhafte oder gar missgestaltete Timbres? Wie vibrierten Doppeldeutigkeiten? Wurde das r gerollt oder nicht? Wie hat Rom gelispelt, bitte?


Wir stochern akustisch in absolutem Silentium. Und es bleibt skurrilen Studienrätinnen mit schlecht geschnittenen Haaren erlaubt, uns mit ihrer Version der an sich genialen Diktion zu malträtieren bis wir lieber Kisuaheli lernen.


Viel Spaß also weiterhin mit Deinem Schulbuchlatein, das vermutlich so klingt wie ein zu Tode gedopter deutscher Linguistenstammtisch.

Vergiss nie, dass Du Latein so aussprechen darfst, wie Du es möchtest. Auch mit japanischem Akzent. Du kannst diesbezüglich keine Fehler machen.


Deinen Berufswunsch finde ich im Übrigen toll. Tätowieren ist eine hohe Kunst. Wie wäre es für den Anfang mit einem lateinischen Zitat?

Errare humanum est, sed in errare perseverare diabolicum.- Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen, ist teuflisch.


Das war Latein. Mit englischem Akzent.

Vielleicht weißt Du es noch nicht, aber zum Üben des Tätowierens empfehlen sich tote Schweinehälften. Oder Mamma und Pappa.


© Ruth Rockenschaub

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