Unterwassersex und Heultage

Es gibt viele Argumente, die gegen Mütter sprechen. Vor allen Dingen gegen werdende. Manchmal sind sie so schrecklich, dass man sich fragt, warum sie überhaupt das Haus verlassen dürfen und über ein Wahlrecht verfügen.


Wo sind sie hin, die Zeiten, als der Ehemann entschied, ob Madame arbeitet oder nicht? Wer, um Himmels Willen, hat Mutti der Pflicht enthoben, sich um Heim und Herd zu kümmern? Hinter verschlossenen Türen, bitte. Jetzt haben wir den Salat, und was früher dezent im Eigenheim verblieb, hat Freigang. Und nervt.


Mir ist durchaus klar, dass die Natur den Job der innerkörperlichen Aufbewahrung der Nachkommen, vulgo: Schwangerschaft, der Frau übertragen hat, weil dafür gewichtige Gründe vorliegen.


Erstens würde sich kein Mann dafür hergeben, völlig unabhängig von seinem Essverhalten und ohne Alkoholkonsum, monatelang immer unförmiger zu werden und sich permanent belügen lassen zu müssen, er sei dennoch wunder-, wunderschön, während man als beigeordnete Frau klammheimlich diesem durchtrainierten Handballer aus der Kreisliga hinterhergiert.

Zweitens gibt es keine andere Situation, die derartige körperliche Veränderungen mit sich bringt wie eine Schwangerschaft. Das Innenleben der Frau durchläuft unglaubliche Metamorphosen und Strapazen, um irgendwann das herauszupressen, was man manchmal am liebsten sofort wieder abwickeln würde wie eine Bad Bank.


Mutter ist der einzige Beruf im gesamten Universum, für den gewisse Körperfunktionen bis zur Unkenntlichkeit verändert werden müssen. Manche Organe nehmen Eigenarten und Größen an, die man sich im Vorwege nicht hat träumen lassen. Die Organe der Frau, wohlgemerkt. Der Mann ist ja nach der anstrengenden Bereitstellung der Mindestvoraussetzungen für eine Fortpflanzung von weiteren Beschwernissen befreit. Wäre allerdings er es, der die Leibesfrucht auszutragen hätte, ließe sich der Mann exakt zu Beginn der ersten Schwangerschaftswoche für mindestens achtzehn Jahre arbeitsunfähig schreiben. Und da habe ich den Vorgang der Geburt noch nicht einmal mit eingerechnet. Gemessen am männlichen Schmerzempfinden, das schließlich bereits bei Heuschnupfen nicht mehr erfassbare Ausschläge zeitigt, wäre bereits die Vereinigung von Ei und Sperma eine mögliche Todesursache.


Die vorgeschobene Behauptung, dass auch Männer, im Falle einer Schwangerschaft der Partnerin, aus Gründen der Solidarität durchaus an Gewicht zulegen, ist der Tatsache geschuldet, dass die Herren während der neun bis zehn katastrophalen Monate abends immer öfter mit ihren Kumpels außerhalb essen, weil die Hormonella zu Hause nicht mehr zu ertragen ist.


Kommen wir also zur ausgemachten Schwachstelle der Frau. Falls Sie es vergessen haben sollten: Auch das weibliche Gehirn ist ein Organ. Und wer sich dazu bereit erklärt, ein Dasein als Mutter auszuhalten, kann dies nicht, ohne eine eklatante Verkleinerung und Leistungsreduktion genau dieses Körperteils hinzunehmen. Kein weibliches Wesen, wäre es auch nur annähernd bei Vernunft, drängte es nach Reproduktion. Wer klar denken kann, vermag die Risiken und Nebenwirkungen der Mutterschaft in ihren messerscharfen Konturen zu erkennen.


Jener Geist, den es nach Vermehrung und Weitergabe seiner eigenen Gene drängt, ohne die Konsequenzen zu fürchten, muss sich im Vorwege getrübt haben. Andernfalls wären die Irrenhäuser der Welt voller Mütter, die, wiewohl bei Sinnen, allesamt für verrückt erklärt worden wären.


Sie bangen um Ihre weiblichen Sinneswahrnehmungen und funktionierenden Verhaltensweisen? Bekommen Sie keine Kinder. Basta. Alles andere ist purer Masochismus.


Hier stellt sich durchaus die Frage, ob man dumm sein muss, um Menschen zu mögen. Nicht zwingend, aber bei der Begegnung mit Müttern erweist es sich als hilfreich.


Verstehen sie mich nicht falsch. Ich vermag die biologische Sensation von Schwangerschaft und Niederkunft durchaus zu würdigen, und der Übergang von der Atmung des Fötus im Mutterleib zu jener beim ersten Schrei nach der Geburt ist für mich das allergrößte Wunder der Evolution. Warum das, was da herauskommt, nicht gequetscht in einer engen Sardinendose in Öl endet, ist mir absolut unbegreiflich. O. k., vielleicht noch die Sache mit den Schädelknochen, die sich während der Geburt aus Platzgründen übereinander schieben und danach wieder in die ursprüngliche Position gehen. Das ist auch ein ziemlicher Knaller.


Aber warum sind die künftigen Mütter so unerträglich?

Es beginnt meist schleichend mit vielsagenden Hinweisen, Seufzern und Heißhungerattacken auf Dinge, die die Frau bisher kategorisch verschmäht hat.

Rohe Leber und so.

Sie ist schwanger und schon ist es höchste Zeit, die Freundschaft zu beenden. Alles hat schließlich seine Zeit und Qualität. Und die Zeit endet, wenn die Qualität zu stark nachlässt. Hören sie auf mich. Die anderen Umstände führen zwangsläufig zu alarmierend monothematischen Treffen. Verheerende, grauenvolle Zusammenkünfte, die rigoros und skrupellos nur dem einen, einzigen und wichtigsten Menschheitsthema gewidmet sind: Der, so genannten, guten Hoffnung.


Die kommenden Wochen und Monate lassen sich mühelos mit den folgenden Vokabeln abdecken: Beckenboden, Bindegewebe, Übergewicht, Erbrechen, dicke Füße, Folsäure, Übergewicht, Heultage, Ultraschallbild, Übergewicht, Dehnungsstreifen, Krampfadern, Ödeme, Übergewicht, Hebammenmangel, Übelkeit, Profilfotos vom Bauch, Übergewicht, Pappmachéskulptur vom Bauch, Übergewicht, Blasensprung, Kliniktasche, Vorderwandplazenta, Übergewicht, Gelbsucht, Nachgeburt, Milcheinschuss, Übergewicht, Wochenbettdepression und Übergewicht. Dann kommen Namensfindung, Namensfindung und Namensfindung und, endlich, die Elternzeit.


Wenn Schwangerschaft keine Krankheit ist, was ist sie dann?


Sobald sich Frauen und Männer – und Männer und Männer und Frauen und Frauen – gegenseitig schließlich die Mama und der Papa nennen, ist der Weggang längst überfällig. Treffen Sie sich frühestens wieder, wenn Leif, Elwing, Miranda und Arizona volljährig sind und der Autoaufkleber Superbaby an Bord verblichen von der Heckscheibe gefallen ist.


Sollte man Sie penetranterweise auffordern, sich die frisch geborene Ausbeute lieber gleich anzusehen, seien Sie gewarnt. Man wird sich mit Ihnen treffen und etwas Undefinierbares in einer Plastikwippe mitführen. Die sieht aus wie ein Tragekörbchen aus der Tupperware™-Kollektion zum Sammeln psychedelischer Pilze. Darin ein am Hintern abgeknicktes, atmendes Wesen. Vermutlich soll die Körperhaltung schon frühzeitig auf eine sitzende Tätigkeit im IT-Bereich vorbereiten.

Diese Behältnisse heißen Maxi Cosi™. Klingt wie eine Slipeinlage, Cosi, für menstruierende Übergewichtige, Maxi, oder ein rosafarbenes Motorenöl, ist aber ein Ablageplatz für Säuglinge. Dieser benötigt darüber hinaus eine, so genannte, Basisstation. Das wiederum hört sich an wie Raumfahrt und auf den Mond schießen. Leider nein.

Eine Basisstation wird installiert, um die Abkömmlinge der nachgeburtlich bereits wieder menstruierenden Übergewichtigen im Auto transportieren zu können.

Und das Erstaunlichste: Mütter benutzen diese Wörter, ohne sich zu ekeln.


Lassen Sie sich nicht täuschen. Auch noch wesentlich später bleibt das Mammavokabular betrachtenswert. Lesen Sie dazu gelegentlich meinen Beitrag Mutti ist die Bestie vom 25. August. Sie finden ihn in der Rubrik AUDIOBELEIDIGUNG. Wo sonst.


Bleibt die Aufgabe, herauszufinden, was sich die Schöpfung dabei gedacht hat, Frauen, trotz ihrer verschlimmbesserten Beschaffenheit, in so vielen anderen Bereichen dennoch besser ausgestattet zu haben als den Mann.

Und bitte lassen Sie nie außer Acht, dass die Evolution ja beileibe nicht abgeschlossen ist. Es handelt sich schließlich um ein work in progress.


Was, zum Beispiel, will uns die Natur damit sagen, wenn bei Frauen vermehrt festgestellt wird, dass ihr Sehsinn nicht über die gängigen drei Farbrezeptoren verfügt, sondern über vier? Man nennt es Tetrachromie.

Für diese Frauen gibt es nicht nur Rot, Gelb oder Blau. Sie sehen eine weitere Primärfarbe, für die es allerdings noch keinen Namen gibt. Nennen wir sie, der Einfachheit halber, Chanel Nummer vier. Bei Fischen, Amphibien und diversen Vogelarten ist das gängig. Aber Frauen? Das würde doch letztlich bedeuten, dass sie Wellenlängen sehen können, die den bisher bekannten Umfang überschreiten. Und zwar bei Weitem, wenn man bedenkt, dass wir selbst mit drei Rezeptoren schon eine Million Farben zu erkennen vermögen.


Was genau heißt dies für die Zukunft des Mannes, fragt man sich bestürzt.

Wird er demnächst die konkurrierende Art sein, die es zu dominieren gilt? Dazu führen physiologische Vorteile ja bisher stets zwangsläufig: Wer mehr kann, ist immer die Gewinnerin. Und die Nummer mit den vier Farbrezeptoren bedingt nicht nur eine buntere Sicht der Dinge ohne Drogenzufuhr, nein, selbst bei schwachem Licht oder am Bildschirm sind diese Frauen erwiesenermaßen im Vorteil. Also beim Sex und am Computer. Kommt da eine bisher nicht einkalkulierte natürliche Selektion auf uns zu? Höre ich einen Aufschrei?


Dass die betreffende Wissenschaft gerade dabei ist, Daten von Frauen zu erheben, die gar über fünf Rezeptoren verfügen, erwähne ich an dieser Stelle lieber nicht. Die können nämlich bis zu zehn Milliarden Farben unterscheiden.

Wohin soll das führen? Weibliche Weltdominanz trotz emotionaler und geistiger Defizite? Das bleibt zunächst unter uns, bitte.


Sehen wir uns lieber nach Hilfe für unsere Herren um.


Wir sind im Meer. Irgendwo zwischen Ostafrika und Hawai’i. Hier lebt ein Raubtier. Manchmal so lang wie ein Finger, manchmal wie ein Unterarm. Es ist eine Mantis-Garnele. Man kann sie essen. Doch Vorsicht: Ist das Wasser schlecht, vermag die Garnele ekelhafte Symptome hervorzurufen. Die Bewohner von Honolulu können ein Lied davon singen. Im dortigen Kanal, der parallel zum Strand von Waikiki verläuft, fischt keiner mehr, der sie noch alle hat. Der Mensch verreckt an seinem eigenen Dreck.


Der Garnele selbst allerdings geht es besser. Sie hat nämlich Lebenserfahrung. Wir wissen, dass das Tier mindesten 340 Millionen Jahre alt ist.


Die Weibchen sind in der Lage, die Mondphasen zu erkennen. Nur zu bestimmten Momenten während der Gezeiten sind sie überhaupt fruchtbar und sparen auf diese Weise unnötig verschwendete Energie für Paarungsrituale, die ohnehin kein Ergebnis zeitigen würden. Herrscht nicht die richtige Flut, ist Ebbe im Wasserbett.


Treffen sich Männchen und Weibchen zur Paarung, wählen sie angelegentlich zwischen einem gemeinsamen, monogamen Leben oder einem One Night Stand. Die Kurzzeitpartnerin, die die geschlechtliche Vereinigung durchaus vehement einzufordern versteht, kann ihre Eier mühelos unter dem Schwanz bunkern und unbehelligt weiterziehen. In der monogamen Variante kommt es tatsächlich zu Beziehungen von zwei Jahrzehnten mit gemeinsamen Unterwasserbauten im Sand und aufgeteilter Fürsorge für die Nachkommenschaft. Es gibt gar eine Unterart, die zwei Portionen Eier legt: Die eine Hälfte geht in männliche, die andere in weibliche Obhut. Wie sind, daran sei erinnert, immer noch bei Meeresbewohnern.


Man kennt sich in der ozeanischen Nachbarschaft und hat soziale Kontakte. Mantis-Garnelen haben einen funktionierenden Unterwassergeruchssinn und können sie jemanden so gar nicht riechen, werden sie gern deutlich und greifen, ausgestattet mit fluoreszierenden Kriegsmustern, an.

Ihre beiden Augen sind auf flexiblen Stielen montiert und bewegen sich unabhängig voneinander. Da ist Augen auf bei der Partnerwahl ein Leichtes.


Und so ganz nebenbei: Diese Tiere sind in der Lage, ultraviolettes Licht zu sehen. Im Gegensatz zum Menschen und zur Freude der Sonnenbrillenindustrie. Und sie haben sich auch nicht mit läppischen drei, vier oder fünf Farbrezeptoren zu begnügen. Es sind glatt bis zu sechzehn. Höher entwickeltes Sehen ist bisher, Stand Frühherbst 2022, unbekannt.

Diese Tiere verarbeiten Informationen mit den Augen. Ein Gehirn, egal ob stark verkleinert, vermindert leistungsfähig oder kaum mehr vorhanden, ist dabei nicht mehr vonnöten. Sensationell!

Sorry, Männer.


Ach ja: Ihre Blu-ray™-Discs können in den Sondermüll. Die sind demnächst total überholt. Die Forschung ist schon dran, und das Krustentier zeigt, wie es geht.


Und falls Sie demnächst mal Garnelen in Öl mit Knoblauch und Chili bestellen, essen Sie unbedingt die Augen mit. Vielleicht hilft’s ja.


© Ruth Rockenschaub

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