Erregte Frauen und englische Fritteusen

Ich habe gelernt, Gesagtes sehr ernst zu nehmen. Wie ist das bei Ihnen? Finden Sie auch, dass einmal ausgesprochene Worte die Atmosphäre für immer tätowieren und niemals zurückgenommen werden können? Nicht per Dementi, Gegendarstellung, Entschuldigung, Scheidungspapier oder Gerichtsurteil?

Das Wort ist ewig, mag der Inhalt auch noch so verrottet stinken.

Beleidigungen, zum Beispiel, sind nicht relativierbar. Haben sie einmal das Licht der Welt erblickt, ist nichts abgedroschener, als im Nachgang feige zu lügen, man habe etwas nur so dahingesagt. Wer weder über Intelligenz noch Eier verfügt, sollte einfach den Mund halten.

Was aber geschieht mit Gesprochenem? Verschwindet es spurlos im Äther, nachdem wir es gehört haben? Fällt es etwa zu Boden und stirbt einen atemlosen, rückstandsfreien Tod?

Ganz im Gegenteil: Worte bilden eine Patina auf Oberflächen, sie kriechen in Dinge hinein und, vor allem, in Menschen. Wir sind mit hinreichend Speicherplatz ausgestattet.


Sie alle kennen den größten Unterschied zwischen Mann und Frau: Männer freuen sich über positive Aussagen und wehren sich gegen die negativen. Thema durch.

Frauen freuen sich auch über positive Aussagen, vermuten allerdings einen eigentlich negativen Hintergrund, und den legen sie dann zu ihrer innerlichen Horrorsammlung, die, manchmal nach Jahren oder gar Jahrzehnten, in einem unaussprechlichen Schwall aus ihnen herausbricht. Da kommen Inhalte zum Vorschein, die so steinalt sind, dass man sie noch nicht einmal mehr in der Encyclopædia Britannica findet. Und genau deshalb bekommen Männer die besseren Jobs und mehr Geld.

Ach so, Entschuldigung, für die wikiphilen Leserinnen und Hörer: Die Encyclopædia Britannica ist ein, so genanntes, Lexikon. Früher war das Wissen über die Welt ja in Büchern zu finden und mit wiki, Hawai’ische Sprache für schnell, ging gar nichts. Man musste nämlich Buchseiten umblättern, also einzeln zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und nach links oder rechts legen. Dafür war das Alphabet zu beherrschen, um das gesuchte Stichwort zu finden, sonst war man total aufgeschmissen, so, als hätte man kein Netz. Noch nicht mal einen einzigen Balken.

Buchseiten kann man übrigens weder wischen noch anklicken. Das dazu.


Zurück zu Männern und Frauen, deren Sprachverständnis sich ja grundsätzlich erheblich unterscheidet, worüber es kilometerlange zweifelsfreie Doktorarbeiten gibt – also natürlich keine von deutschen Politikerinnen. Aber damit fange ich jetzt hier nicht an. Das wäre mir im Moment zu büchsederpandoramäßig.


Besonders ergiebig ist auch die differenzierte Wortwahl unterschiedlicher Kulturen. Kennen Sie diese bezeichnende Anekdote über Österreicher und Deutsche?

Eine Naturkatastrophe hat sich ereignet. Der deutsche Reporter fragt eine Betroffene: „Wie ist die Lage, und was sagen die Zahlen?“

Der österreichische Reporter fragt: „Gehn’s, wie geht’s Ihnen denn?“ Tu felix Austria!


Betreffs der Gegenstände, in die Gesprochenes hineinschlüpft, bin ich, das sei ganz ehrlich zugegeben, äußerst, extrem, überaus dünnhäutig.

Jedes Mal, wenn ich eines meiner uralten Autos zwangsverschrotten lassen muss, weil der TÜV keinen blassen Schimmer hat und Überwachungsverein genannt wird, weil er von der emotionalen Verbindung zwischen Frau und Fahrzeug im Leben noch nichts gehört hat, frage ich mich das Folgende:


Was, bitte, geschieht mit den hunderten extrem tiefgründiger und enthusiastischer Unterhaltungen, die ich in dieser Karre geführt habe? Weltretterdiskussionen, lautstarke Argumentationen, bei denen ich natürlich immer den Sieg davongetragen habe, einsame Stimmübungen, nicht wiedergabefähige Fluchergüsse der ungeheuerlichsten Art und Proportion – das alles hält sich doch mittlerweile in der Deckenverkleidung über mir auf! Also: Wohin des Wegs? Ist alles Gesprochene etwa plötzlich heimatlos oder wird schnöde mitgeschreddert? Das muss einem doch erklärt werden. Warum wird man darüber nicht informiert?


Keine Probleme hingegen habe ich mit dem wörtlich nehmen von Äußerungen.

Da ich auch bildende Künstlerin bin, widerfahren mir Aufträge. Wenn sich also jemand wünscht, ich solle etwas Kreatives für ihn anfertigen, dann aber hinzufügt: „Natürlich nicht zu kreativ, ja?“, dann trennen sich unsere Wege.

Wer nicht weiß, dass kreativ ein Solitär ohne Steigerung nach oben oder Minderung nach unten ist, hat in meinem Orbit nichts zu suchen und besorgt sich besser Ausmalbücher im 1-Euro-Shop um die Ecke. Die kann man sich nach getaner Arbeit auch wunderbar an die Wand nageln.


Ebenfalls null Schwierigkeiten habe ich mit Existenzen, die Dinge an den Tag legen, die ich in meiner Gegenwart nicht zu akzeptieren bereit bin: Rassismus, Homophobie, Faschistoides oder andere Ungeheuerlichkeiten von der Hitliste des Grauens. Sie verderben meine Aura, machen hässlich und unglücklich, falls ich sie lasse. Deshalb muss man konsequent sein, und ein Raum ist in solchen Fällen dazu da, dass man seiner verwiesen wird. Raus mit den unbelehrbaren Volltrotteln. Und zwar pronto.


Mein Schönstes jedoch sind Situationen, in denen Menschen unverfälscht und arglos genau das tun, was sie verstanden haben:

Ich sitze in einer englischen Autobahnraststätte mit Selbstbedienung. Trotz der Angebote auf der Speisekarte ist der Laden gerammelt voll. Das winterliche Wetter ist dazu angetan, dass es einen nach fetttriefenden, undefinierbaren Kochergebnissen gelüstet, die man im normalen Leben nicht einmal im Traum konsumieren würde.

Mir gegenüber hat eine sehr junge Frau mit ihrem noch jüngeren Bruder Platz genommen. Der Junge ist fröhlich und hungrig. Es könnte sein, dass die Überfürsorge seiner Schwester darauf schließen lässt, er bedürfe besonderer Zuwendung.

Wir sind gerade ein wenig ins Gespräch gekommen, als ein Mann fragt, ob er sich auf den freien vierten Platz am Tisch setzen darf. Sein Teller beherbergt alles, was die britische Fritteuse so weltberühmt gemacht hat, und zwar in doppelter Portion. Zwei Battered Sausages, in Teig herausgebackene Würste, krönen einen ölglänzenden Mount Everest aus Chips, also Pommes.

Kaum hat er sich gesetzt, macht der Mann Anstalten, wieder aufzustehen. „Entschuldigung“, sagt er in die Runde. „Ich möchte mir die Hände waschen gehen. Könnten Sie bitte ein Auge auf mein Essen haben? Could you please have an eye on my plate?“

Wir nicken. Der jüngere Bruder nickt besonders engagiert, fasst an seine linke Augenhöhle, holt das darin befindliche Glasauge heraus und legt es zuoberst auf die beiden Würste ihm gegenüber.

Sehen Sie, das ist Sprachverstehen, wie ich es liebe.


Und wenn Sie mal wieder irgendjemand fragt, ob Sie sich etwa gehen lassen, dann antworten Sie gefälligst: Ich? Aber nein, ich lasse mich natürlich fahren.



Wer nicht lesen will, muss hören!

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© Ruth Rockenschaub

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